Wie Lokführer die Wiesn erleben

Wie Lokführer die Wiesn erlebenBig Mac Bestellungen an der "Häckerbritsch"

Quietschbunte Ballons, herzige Lebkuchen und farbenfrohe Trachtenoutfits - Die Wiesn schwemmt nicht nur 'ne ordentliche Portion Farbe in unsere schöne Stadt, sondern auch eine riesige Welle an Besuchern. Während der 16 Tage sind die Oktoberfestzelte übervoll, genauso wie Bahnsteige und öffentliche Verkehrsmittel. Was das für die Lokführer bedeutet? Wir durften tatsächlich im Führerhäuschen mitfahren - und zwar zur großen Stoßzeit: Samstagabend auf der Stammstrecke. Was wir dabei erfahren haben: Für die Lokführer der Münchner S-Bahn bedeutet die Wiesnzeit extreme Konzentrationsarbeit. Aber eben auch ganz schön viel zu lachen. Wie sein Arbeitsalltag während der Wiesn aussieht und wie es da durchaus mal zu Big Mac Bestellungen über die Sprechstelle kommen kann, hat uns Triebfahrzeugführer Christopher erzählt.

Die Hackerbrücke ist eine der belebtesten Haltestellen während der Wiesn © Geheimtipp München

Savety first auf der "Häckerbritsch"

"We want to go to the October-Party. Is this the train to Häckerbritsch?" Bei solchen und ähnlichen Fragen kann Christopher das Lachen kaum unterdrücken. "Manche Touristen übersetzen wirklich alles, und zwar wortwörtlich", erzählt er uns. Natürlich kennt Christopher den Weg zur Hackerbrücke in und auswendig. Trotzdem: Besonders während des Oktoberfests muss er sich hier extrem gut konzentrieren. Die "Hacker", wie manche Münchner sagen, ist nicht nur ein cooler Spot für Sonnenuntergänge, sondern auch der Hauptaus- und Einstiegspunkt für Wiesnbesucher. Diese tummeln sich meist in großen Scharen und mit der ein oder anderen Maß intus auf den Bahnsteigen. "Aus Sicherheitsgründen müssen wir deshalb zu bestimmten Stoßzeiten die Geschwindigkeit unserer Züge herunterregeln", erklärt der Lokführer. Sicherheit geht halt einfach vor.

Querfeldein über die Gleise

Sicherheit ist auch sonst ein großes Thema. Um Gedränge, Überfüllungen und Unfallgefahren zu vermeiden, können - wenn nötig - die Bahnsteige kurzfristig gesperrt werden. "In solchen Fällen dürfen die Fahrgäste den Bahnsteig dann erst betreten, wenn ihre S-Bahn einfährt", erklärt uns Christopher. Nicht selten kommt es leider vor, dass Betrunkene querfeldein über die Gleise rennen. "Das ist natürlich extrem gefährlich! Zudem dürfen dann solange keine Züge mehr fahren, bis die Gefahr gebannt ist." Das ärgert dann nicht nur alle anderen Fahrgäste, sondern auch Christopher und seine Kollegen. Die wollen nämlich auch sehr gerne pünktlich ans Ziel kommen.

Entspannt zur Wiesn? - Vier Tipps vom Lokführer

  • Rush Hour umgehen

    Am meisten los ist gegen 17 Uhr. Da sind die ersten Besucher schon wieder auf dem Heimweg, während sich der Rest gerade auf den Weg macht. Bedeutet: Viel Stau in beide Richtungen. Die An- und Abreise also drumherum planen.

  • Die Hackerbrücke meiden

    Die Bahngleise sind besonders zu den Stoßzeiten meist überfüllt. Wer also kann, weicht lieber auf andere Haltestellen aus.

  • Zammrückn

    Klingt banal, ist es aber nicht. Um im Timing zu bleiben, haben die Lokführern nämlich gerade auf der Stammstrecke nur extrem wenig Zeit zum Halten. Wenn wir Fahrgäste beim Einsteigen 1. die Lichtschranke freihalten und 2. ins Zuginnere durchgehen, können andere schneller einsteigen und alle kommen zügig und stressfrei ans Ziel.

  • Am Hauptbahnhof oder Stachus aussteigen

    Von dort geht ein Fußweg direkt zur Wiesn - ohne Gedränge und weitaus entspannter.

Ein Herz für orientierungslose Touristen

Bei so viel Gewusel sind Lokführer wie Christopher für jeden mitdenkenden Fahrgast dankbar. "Helft Touristen bei der Orientierung und schaut, dass die Lichtschranken an den S-Bahn Türen frei bleiben", bittet der Triebfahrzeugführer. Denn wenn jeder mitdenkt, geht es für alle einfach reibungsloser und schneller. Auch bei akuten Notfällen können wir als Fahrgäste unterstützen. "Sprecht denjenigen an, fragt wie es der Person geht. Ihr könnt uns jederzeit übrigens auch über die Sprechstelle kontaktieren vorne im Führerstand. So wissen wir zum Beispiel, dass ein Notarzteinsatz ansteht." Manchmal kommt es vor, dass sich aggressive und pöbelnde Fahrgäste in den Zügen aufhalten. Was der Lokführer in diesem fall rät? "Bitte immer entweder uns oder der DB Sicherheit Bescheid geben. Haltet aber selber unbedingt Abstand, um euch selber zu schützen!"

Tipp vom Lokführer: Lichtschranken frei halten - dann geht's schneller. © Geheimtipp München

Wie ein Wiesnballon das ganze Netz lahmlegen kann

Was Christopher uns noch erzählt, überrascht uns extrem: Dass nämlich ein hübscher, unschuldiger Heliumballon 'ne ganz schön große Action mit sich bringen kann. "Bindet euch die bitte unbedingt gut am Arm fest. Fliegt einer nämlich doch los und kommt an die Oberleitungen, kann es einen Kurzschluss geben", erklärt der Experte. "Und damit ist dann erst einmal die gesamte Stammstrecke lahmgelegt." Da die Oberleitungen stromführend sind, dürfen metallbeschichtete Luftballons eigentlich nämlich gar nicht erst in die Nähe der Züge - das kann lebensgefährlich enden. Next stop: Endhaltestelle für uns. Wir verabschieden uns von Christopher und steigen aus seinem geräumigen Füherstand aus. Was wir heute gelernt haben: Die Wiesn bedeutet eben in ganz München Ausnahmezustand - auch beim Team der S-Bahn. So voll die Züge während der zwei Wochen aber auch sein mögen, wir alle können einen Teil zum entspannten Hin und Her beitragen. Christopher formuliert es so: "Freundlich sein und Respekt haben - nicht nur von uns Lokführern zum Fahrgast, sondern auch die Fahrgäste untereinander - das ist sehr wichtig. Schließlich sitzen wir ja alle irgendwie im selben Zug, oder?!" 

Wiesnzeit ist Anekdotenzeit

Egal wie viele Herausforderungen auf sie zukommen, Christopher und seine Kollegen freuen sich trotzdem immer wieder auf die Oktoberfestzeit. Ein bisschen fühlen sie sich als Mitgastgeber für das größte und bekannteste Volksfest der Welt. Während dieser Zeit fahren sie Millionen von Besuchern aus aller Welt in ihren Zügen durch München. Langeweile? Fehlanzeige. Vor allem die absurden und lustigen Anekdoten bleiben da lange im Kopf: "Einmal hat ein betrunkener Fahrgast versucht über unsere Sprechstelle einen Big Mac zu bestellen", erinnert sich Christopher lachend. "Solche Geschichten vergisst natürlich keiner". Ein anderes Mal ist ein Fahrgast ganze fünf Stunden mit derselben S-Bahn gefahren, weil er jedes Mal wieder einschlief und so seinen Ausstieg verpasste. Welche Geschichten Christopher und seine Kollegen nach dieser Oktoberfest-Saison zu berichten haben? Wir sind schon gespannt!

Nächster Halt: "Häckerbritsch" © Geheimtipp München

Mehr Geschichten hinter den Kulissen

DAS S-BAHN MÜNCHEN MAGAZIN

Das 530 km lange Bahnliniennetz der S-Bahn München ist eines der größten in Deutschland. Über 20 Mio. km legen die Züge jedes Jahr zurück. Dabei bringen sie jeden Tag 840.000 Münchner von A nach B. Mit im Gepäck: Unzählige unerwartet spannende und schöne Geschichten! Was passiert zum Beispiel, wenn der Lokführer mal auf´s Klo muss? Was erlebt eine S-Bahn an einem ganzen Tag und wie sieht ihr XXL-Wellness-Programm im Werk aus? Wie funktioniert das System, mit dessen Hilfe sich Blinde sogar an den trubeligsten Bahnhöfen zurechtfinden? Das und noch viel mehr Insiderwissen könnt ihr im S-Bahn München Magazin entdecken.

Auf eine friedliche Wiesn! © Geheimtipp München

Bilder von Susanne Öllbrunner für Geheimtipp München und wunderland media GmbH.

Dieser Beitrag ist in Kooperation mit der S-Bahn München entstanden.

Stefanie Manna

Halb sizilianisch – halb bayerisch: Bei dieser Kombo kann ja nur was Verrücktes rauskommen! Wenn Steffi nicht gerade lacht oder isst, redet sie. Oder macht sich auf die Suche nach neuen Abenteuern. Frei nach Pippi Langstrumpf "Lass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar.“ ist Steffi am liebsten mit dem Rucksack auf Reisen. Kommt am Ende aber immer gerne zurück in die Stadt für die ihr Herz schlägt: nach München.