Über den Tellerrand

Über den TellerrandMünchen VEREINt #4: Integration geht durch den Magen

Wer schon mal die VHS in der Einsteinstraße besucht hat, der hat es vielleicht schon entdeckt, das Café Über den Tellerrand. Vermutlich, denn am köstlichen Duft, der aus der Küche strömt, kommt so schnell keiner vorbei. Orientalische Falafel, mexikanische Fajita, israelisches Sabich oder arabische Dattelkekse sind nur eine Kostprobe der vielfältigen Speisekarte. Vielfalt ist auch das Stichwort bei „Über den Tellerrand“. Aus einem Integrationsverein heraus wurde das soziale Unternehmen gegründet und das bringt Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kulturen kulinarisch zusammen. Was hinter dem Herzensprojekt steckt, wie aus elf Nationen eine Familie wurde und was ein Sprachcafé ist haben uns die Geschäftsführerinnen und Gründerinnen Julia Harig und Jasmin Seipp vor Corona bei unserem Besuch verraten.

Kulinarisches Vergnügen für jung und alt

Wir sitzen an einem der Tische in der Aula der VHS. Hinter dem Tresen schäumt Barista Abdoulie den alle nur "Chambwoii" nennen fleißig Milch und zaubert damit Muster in die Cappuccini. Neben uns isst eine junge Mutter mit ihrem Kind, an einem weiteren Tisch plaudert eine Gruppe Senioren. „Unsere Gäste sind komplett unterschiedlich, von Schülern bis Rentner alles dabei“, erzählen uns die Geschäftsführerinnen und Gründerinnen Julia Harig und Jasmin Seipp, als sie sich zu uns setzen. Im Augenwinkel lesen wir auf der Schiefertafel das heutige Mittagsgericht: Hühnchen Fajita. „Die macht unser mexikanischer Koch Augusto“, verraten uns die beiden Frauen. Unser Appetit ist schon geweckt. Doch bevor geschlemmt wird, wollen wir erst ein wenig mehr über die schöne Idee hinter dem Café erfahren.

Die Gründerinnen Jasmin Seipp (links) und Julia Harig © Geheimtipp München

Arbeitsplätze und Begegnungen schaffen

Gestartet hat alles 2013 mit der Gründung des Vereins „Über den Tellerrand e.V. in Berlin. Die Idee: Menschen beim Kochen zusammenbringen, um so eine interkulturelle Community zu schaffen. Das Integrationsprojekt findet großen Anklang und ist mittlerweile in mehr als 35 Städten in Deutschland, Österreich, Tschechien, Kolumbien und den USA zu finden. Jasmin gründete 2015 den Verein in München. Auch Julia ist von der Idee begeistert und gründet 2018 zusammen mit Jasmin ihr soziales Unternehmen und Herzensprojekt die „Über den Tellerrand Café GmbH“. Ein Café in dem vor allem Menschen mit Flüchtlingshintergrund arbeiten. Für sie ist es ein sicherer Arbeitsplatz, ein Standbein in ihrem Leben. Für Gäste ein Ort an dem sie anderen Kulturen in kulinarischer Form begegnen können.

Hell, luftig und modern erstrahlt das Café © Geheimtipp München

Blumen- und Kaffeeduft am Tresen und der von köstlichen Dattelkeksen © Geheimtipp München

Internationale Gerichte im sonnigen Gebäude der VHS © Geheimtipp München

Einmal um den Globus

Bei unserem Besuch arbeiteten 24 Mitarbeiter aus 11 Nationen unter anderem Syrien, Mexico, Eritrea, Afghanistan, Senegal und auch Deutschland im Café. Diese Vielfalt spiegelt sich im Café und auf der Speisekarte wider. Da trifft Fajita auf Falafel, da wird arabischer Mamoul (Dattelkeks) in kolumbianischen MAXIM-Kaffee getunkt. Jasmin und Julia haben ein Ort für Begegnungen geschaffen: „Wir möchten voneinander und miteinander lernen“, erzählen die Beiden. Regelmäßig organisieren sie zum Beispiel Stammtische, Freizeitkochevents und Fundraisings. Mehdi hatte die Idee für das Sprachcafé. Jeden Mittwoch um 19 Uhr kommen die Menschen hier zusammen, um sich gegenseitig ihre Sprache beizubringen – mit großem Anklang.

Mohamad hat mit seinen Kollegen eine neue Familie gefunden © Geheimtipp München

11 Nationen ergibt eine Familie

Auch Syrer Mohamad, der lächelnd neben seinen Kollegen vor dem Laptop sitzt, bringt Ideen mit ein. Seit 2016 lebt er in Deutschland und ist Ehrenamt Koordinator des Vereins. Er fühlt sich pudelwohl und erzählt uns strahlend: „Ich finde die Atmosphäre hier wunderschön. Meine Kollegen und ich sind wie eine große Familie, wir unterstützen und helfen uns gegenseitig.“ 11 Nationen, eine Familie? Das geht und zeigt was auf der Welt möglich ist, wenn wir offen für Begegnungen sind. „Für unsere Mitarbeiter ist es schön, dass sie im Café Gastgeber sein können“, erzählen Julia und Jasmin. Integration durch den Magen – das funktioniert. Regelmäßig finden auch Mitarbeiter Schulungen zum Beispiel zur Personalentwicklung statt. Hier passiert viel Gutes und führt zu einer ständig positiven Entwicklung.

Unterstützung und Hilfe zur Selbsthilfe

Julia arbeitet parallel als Videoredakteurin und Producerin, die gelernte Betriebswirtin Jasmin ist seit Anfang 2020 Vollzeit im Café. Was als Ehrenamt angefangen hat, ist jetzt ein soziales Unternehmen. „Ich nenne es mein Vollzeithobby“, sagt Jasmin lachend. Neben dem täglichen Café Betrieb bietet „Über den Tellerrand“ auch feinstes Catering an. Die Gewinne daraus werden alle reinvestiert und in neue Arbeitsplätze gesteckt – Tendenz steigend. Den beiden 34-Jährigen ist es wichtig, dass sie nicht als Flüchtlingshilfe gesehen werden. Unterstützung leisten sie dennoch bei Behördengängen zum Beispiel. „Wir helfen wo wir können, aber können nicht alles übernehmen. Deshalb motivieren wir unsere Mitarbeiter zur Hilfe zur Selbsthilfe“, erklären sie. Ab und an kommt einer der Mitarbeiter kurz an den Tisch, plaudert, lacht. Wohlfühlstimmung in der Küche und im ganzen Café.

  • Internationale Speisekarte

    Probiert euch durch die frisch zubereiteten internationalen Fisch-, Fleisch-, vegetarischen und veganen Köstlichkeiten. Diese findet ihr auf der festen Speisekarte oder in den wechselnden Tagesgerichten.

  • Place to be

    An sonnigen Tagen unbedingt einen Platz auf der großen Terrasse des Cafés nehmen.

  • Jeder zahlt was er kann

    Für die gleiche Größe der Portion könnt ihr entscheiden, wieviel ihr zahlen könnt. Von den Kategorien schmaler Taler über "Fairer Deal" bis hin zu "Zukunftsfutter".

  • Öffnungszeiten während Corona

    Während Covid19 könnt ihr von Montag bis Freitag von 11:30 bis 22:00 Uhr im Café speisen, die Köstlichkeiten abholen oder mit Lieferando zu euch bringen lassen.

Jetzt heißt es nur noch schlemmen © Geheimtipp München

Lammgerichte zum Niederknien © Geheimtipp München

Hier ist Platz für Menschen aller Nationen © Geheimtipp München

Hoffnung auf Selbstverständlichkeit

Julias und Jasmins Vision ist aufgegangen. „Wir glauben ans Kennenlernen. Wir sehen uns nicht als Hauptperson, sondern als Wegbegleiter. Geben ihnen eine eigene Plattform und Stimme und eröffnen Begegnungsmöglichkeiten.“ Dieser Ort an dem wir uns gefühlt einmal durch die Welt schlemmen können, räumt mit Vorurteilen auf und zeigt wie die Zukunft aussehen kann. Für diese haben Julia und Jasmin eine ganz genaue Vorstellung: „Schön wäre, wenn es uns nicht mehr bräuchte. Wenn es nichts Besonderes mehr ist, dass Menschen mit unterschiedlichen Kulturen und Herkunft zusammenkommen. Wenn es eine Selbstverständlichkeit wird.“ Ein Rentner am Nebentisch ist von dem internationalen Angebot schon mal begeistert: „Die san guad die Pflanzerl“, sagt er zu dem Kellner und beißt genüsslich in seine Falafel. 

Bilder von Murat Kaydirma für Geheimtipp München.

Die Fotos sind vor Corona entstanden.

Dieser Beitrag ist auf redaktioneller Ebene entstanden.

Stefanie Manna

Halb sizilianisch – halb bayerisch: Bei dieser Kombo kann ja nur was Verrücktes rauskommen! Wenn Steffi nicht gerade lacht oder isst, redet sie. Oder macht sich auf die Suche nach neuen Abenteuern. Frei nach Pippi Langstrumpf "Lass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar.“ ist Steffi am liebsten mit dem Rucksack auf Reisen. Kommt am Ende aber immer gerne zurück in die Stadt für die ihr Herz schlägt: nach München.