Mit Pumuckl-Künstlerin Barbara von Johnson in ihrem Atelier Faces of Minga #25

„Sichtbar, unsichtbar – wunderbar“ – diese drei Worte fügen sich zum Lebensthema der heute 79-jährigen Münchner Künstlerin, die wohl unser aller Kindheit ein stückweit geprägt hat: Sie gab einst dem manchmal sichtbaren, manchmal unsichtbaren, aber immer wunderbaren Pumuckl sein freches Antlitz. Wie es dazu kam, was sie selber mit dem kleinen Rotschopf verbindet und wie sie ihr ganzes Leben zum Atelier gemacht hat – das alles und noch viel mehr durften wir bei einem Besuch bei der Schwabingerin erfahren. Und dabei eine wunderbar herzliche, ehrliche und unheimlich inspirierende Frau kennenlernen. 

© wunderland media GmbH
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Wie die Not zur Muse wurde

Ein original Münchner Kindl und ihrem späteren Pumuckl so ähnlich – beides war Barbara von Johnson schon von Geburt an. Dem „jungenhaften Mädchen“, das am liebsten im Wald rumlief und im Isartal Lagerfeuer machte, stellte sich die Kunst schon früh als Lebensbasis dar. Mit vier Jahren die ersten Zeichnungen – und die sahen in der Tat schon so fähig aus, wie sie Unsereins nicht einmal in der Blüte seiner Jahre gelingen will, davon können wir uns beim Besuch selbst überzeugen. Bei aller Lebensfreude, die die kleine Barbara schon immer in sich hatte, war mitunter auch die Not ihre Muse: Als Nachkriegskind baute sie sich ein Paralleluniversum in ihrem Kopf auf und fand das Malen und Zeichnen als „Ausdrucksform des inneren Urknalls“. Mit aufgeregten 17 Jahren wurde sie Schülerin des österreichischen Malers, Grafikers und Schriftstellers des Expressionismus und der Wiener Moderne, Oskar Kokoschka. „Er riet mir, fleißig zu sein. Und das war ich.“

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Nebensächliches zur Kunst erstrahlen lassen

Heute wie damals ist Barbaras Atelier überall dort, wo sie sich aufhält. „Am liebsten gehe ich mit einem kleinen zugeschnittenem Passepartout durch die Gegend und such nach dem Ausschnitt innerhalb der angebotenen Möglichkeiten, der mir am besten gefällt und mich zum nächsten Kunstwerk inspiriert.“ „Nebensächlichkeiten“ wie zum Beispiel Lichtreflexe werden in Barbaras Alltag zur Fotokunst – ganz beiläufig und doch so besonders so wie das Leben als solches uns in den meisten Momenten begegnet. Den Pumuckl (er)fand sie aber ganz ohne Passepartout in der Hand: Es ist 1963, Barbara besucht die „Akademie für das Grafische Gewerbe“, als die Kinderbuchautorin Ellis Kaut in ihre Klasse kommt und einen Wettbewerb ausschreibt. Sie liest den jungen Studenten eine Geschichte vom kleinen Kobold vor. Daraufhin sollen die Studenten den Hauptprotagonisten zeichnen.

Barbara und ihr Pumuckl.
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Augen zu und da war er: der Pumuckl

Barbara malt direkt den Meister Eder dazu und gewinnt. „Als ich die Augen schloss und nach innen ging, um mir den kleinen Kerl vorzustellen, sah ich ein kleines temperamentvolles Wesen, was frech und lieb zu gleich war mit zwei vorstehende Zähnen, Knubbelnase, Wuschelhaaren, einem gewölbten Bäuchlein wegen dem Hohlkreuz, barfuß, mit großen Händen, die alles begreifen wollen und große Ohren, die alles hören wollen“, erinnert sich die Schwabingerin. „Als ich dann die Augen öffnete, erkannte ich, dass Pumuckl mein Selbstporträt war, und so fing ich an, voller Schwung und ohne Bedenken das zu zeichnen, was ich innerlich wahrgenommen hatte.“ Es folgten unzählige lustige und herzige Kinderbücher vom kleinen Rotschopf mit der frechen Schnauze, die Babara illustrierte. Den Ur-Pumuckl sowie viele weitere Federzeichnungen von ihm findet man heute noch in ihrem Atelier. Sie stehen zum Verkauf. 

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Pumuckl macht glücklich – früher wie heute

Wie der Pumuckl sie als Künstlerin definiert habe, wollen wir wissen. „Überhaupt nicht! Aber er hat mir 60 Jahre lang geholfen, als verträumte Künstlerin realitätsbezogener und somit für die Gesellschaft „sichtbar“ zu werden, durch Pumucklillustrationen von Büchern, Plattenhüllen, Merchandising, Rechtsstreitereien mit Ellis Kaut und Versöhnung, Bundesverdienstkreuz und sonstigen Anerkennungen. Er schenkte mir Selbstvertrauen, Lebensfreude und viel Spaß.“ Den angesprochenen „Rechtsstreit“, wer denn nun die wahre Erfinderin der Kindheitsikone ist, legten die beiden Frauen versöhnlich nieder: „Wir sind zwei energetische, wilde Weiber, die Humor haben und Unsichtbares sichtbar machen. Sie hat den verbalen Pumuckl erfunden und ich sein Bild“, fasst Barbara zusammen. Ob sie ihn heute wieder genauso zeichnen würde? Da ist sich die 79-Jährige ganz sicher: „Ja, obwohl sich das Lebensgefühl der Menschen – besonders jetzt in Coronazeiten – geändert hat, ist Pumuckl, das Geistwesen, nach wie vor authentisch geblieben. Und genau das ist es, was seine Fans an ihm so lieben.“

Eine ganz besonders wunderbare Persönlichkeit.
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Immer bescheiden geblieben

Nach dem erfolgreichen Wettbewerb zog es Barbara nach Südafrika, wo sie einige Jahre lebte. Bis sie schließlich merkte „Als Weiße darf man hier nicht barfuß laufen, man darf nichts auf dem Kopf tragen.“ Kunst ist in dieser Zeit trotzdem entstanden: „Ich muss immer zeichnen. Ich brauche die Ausdrucksform, damit ich irgendwo ankomme.“ Aber die Heimat zu verlassen, gerade zu einem Zeitpunkt, an dem man als junge Künstlerin solche Popularität genießt? „Mir geht und ging es immer nur darum, dass ich mir in allem selber treu geblieben bin. Berühmt sein wäre mir zu anstrengend gewesen, weil mich Erwartungen anderer in meiner freien künstlerischen Ausdrucksform fremd bestimmt hätten.“ Erst heute „kapiere“ sie, dass sie eigentlich „recht begabt war“. Damals habe sich das künstlerische Schaffen „einfach natürlich angefühlt“.

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Auch Du bist ein Kunstwerk!

Der heutige Arbeitsalltag als Künstlerin gestaltet sich für Barbara als „ein Tanz zwischen den Gegensätzen“. „Trotz starker Körperschmerzen erfüllt mich dankbare Lebensfreude.“ Vor dem Abschied schweift unser Blick noch über das große Regal mit unzähligen Ordnern. Darin sammelt Barbara alle Zeichnungen, Fotografien und Co. der Etappen ihres Lebens. „Diese Ordnung gab mir Halt, trotz meines turbulenten Familienlebens, dem Auswandern, dem Zurückkommen, drei Kinder, Krebs-OP, Bundesverdienstkreuz – jedes Kapitel fand einen Ordner und dieser einen Platz im Regal. Wie eine Schlange, die sich häutet, konnte ich so jedes Mal mit etwas abschließen.“ Mut machen, verrückt und eigensinnig zu sein, – das ist das erklärte Ziel von Barbaras Kunst, – das Vermächtnis der Pumuckl-Künstlerin. „Authentisch zu sein, macht jeden Menschen zu einem unverwechselbaren Kunstwerk.“ Also sind wir alle irgendwie ein bisschen wie der Pumuckl, oder? Ein schöner Gedanke, finden wir. Danke dafür, liebe Barbara! Und für so viele andere wertvolle Gedanken, die wir aus unserem Gespräch mitnehmen durften.

Bis bald, liebe Barbara!
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