Mein erstes Mal Weißwurst Erlebnisbericht eines Zuzel-Anfängers

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Seit vier Monaten lebe ich nun in München und nachdem ich bereits meine erste Biergartenerfahrung gemacht habe, war es neulich an der Zeit, eine weitere Seite der bayerischen Kultur kennenzulernen: die Weißwurst. Ich persönlich sehe sie als stereotypisches Sinnbild des Bavarian Starterpacks, das Pendant zum Labskaus aus Norddeutschland oder dem Thüringer Klos mit Soß. Dementsprechend war es allerhöchste Eisenbahn, die Wurst an beiden Enden zu packen. Meine Wahl für die erste Weißwursterfahrung: die Gaststätte Großmarkthalle, – der Ort, an dem es angeblich die wohl beste Weißwurst Münchens gibt. Hallo, wenn schon denn schon! Welche Fallstricke mich als blutigen Weißwurst-Anfänger dort erwarteten? Let’s call it „Weißwurst-Anatomy“…

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Ohne einen blassen Schimmer genießt München Newbie Paul sein Weißbier. Noch.

Peinlichkeitsfaktoren minimieren

Mit einem Loch im Magen und von der Sonne geblendet, blicke ich auf den Eingang der Gaststätte Großmarkthalle. So sieht es also aus, das Mekka der weißwurstverliebten Münchner. Es ist gerade mal 10 Uhr morgens und die Terrasse ist voll wie ein all-inclusive Urlaub auf Mallorca. Die Gäste warten mit dem Weißbier in der Hand sehnsüchtig auf den heißen Brühtopf, in dem das Götzenbild der bayerischen Kultur schwimmt. Einige von ihnen nehmen das Game, äußert ernst und tragen sogar Tracht. Geil! Die full experience, denke ich mir. Und da ich mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit der Einzige hier bin, der vom Zuzeln und Zerlegen keine Ahnung hat, entscheide ich mich dafür, mich reinzusetzen. Peinlichkeitsfaktor minimiert. Bei den Bayern weiß man als Preiß ja nie… 

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Wie im Bilderbuch machen es sich die zwei Würste im Brühtopferl gemütlich.
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Doch noch wissen die Weißwürste nichts von ihrem Unglück.
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Auch die Brezn wird später von Paul eher stiefmütterlich behandelt.

Fallstrick Nummer 1: „Ein Weißbier, meinen Sie!“

Die Bedienung bringt mir die Karte – natürlich im Dirndl. Aus Vorrecherche weiß ich genau, was ich will: zwei aus Kalbfleisch in den Schweinedarm gepresste Weißwürste, eine Brezn, süßen Senf und natürlich ein Weizen, – aber zackig! Doch schon bei der Bestellung enttarne ich mich als „Zugroaster“. Mit einem bemutternden Nicken und leiser Stimme sagt die Kellnerin „Ein Weißbier, meinen Sie“. Recht hat sie und lässt mich voller Scham zurück. Lange muss ich nicht warten, schon stehen Brühtopf, Brezenkorb und süßer Senf in amerikanischer Tubenausführung vor mir. Ich blicke auf zwei blasse Weißwürst. Jetzt gehts ans Eingemachte.

Achtung! Diese Bilder könnten auf Ur-Münchner verstörend wirken

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Hochkonzentriert zerlegt Paul die Weißwurst.
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Wirklich nicht schön anzusehen. Grenzt es schon an eine Beleidigung?
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Was von dem Gemetzel übrig blieb. Doch wer hat gewonnen?

Wie man eine Weißwurst misshandelt

Mit meiner Gabel fische ich in der glasklaren Brühe nach einer Wurst und nehme sie in Augenschein. Was auf dem Teller zunächst nett drapiert aussieht, wird Sekunden später zu einem Waterloo 2.0. In der rechten Hand die Gabel, in der linken das Messer: Mit voller Wucht haue ich mit den vier Spitzen in die widerspenstige Haut, während ich die Wurst mit der anderen Hand zu zwei Hälften malträtiere. Würden Bayern-Experten diesem Selbstexperiment beiwohnen, wäre der Aufschrei groß. Ich drehe die eine Hälfte der Wurst um 90 Grad, um einen Längsschnitt vorzunehmen und fühle mich dabei wie ein OP-Assistent in einer Arztserie. Zusammenhangslos denke ich an einen Titel wie „Weißwurst Anatomy“ und muss schmunzeln. Mit knirschenden Zähnen skalpiere ich mit der Messerspitze den Schweinedarm, um das saftige Kalbfleisch aus ihm zu puhlen. Schwieriger als gedacht…

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Liebe mit dem ersten Biss – Paul ist hin und weg.

Hin und Weg mit Schweinedarm

Schon beim ersten Bissen weiß ich: Der Kampf hat sich gelohnt. Begeisterung machst sich am Gaumen breit und ich weiß, dass mir zwei Würste definitiv nicht reichen werden. By the way: Eine Wurst später werde ich vom Gegenteil überzeugt. Davon nichts ahnend, dippe ich das gebrühte weiße Fleisch in den süßen Senf. Ein Gedicht. Total into it und mit Appetit auf mehr zerpflücke ich nach gleicher Strategie noch die andere Hälfte. Aber Moment… Muss man eine Weißwurst nicht zuzeln?! 

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Eine Frage stellt sich Paul schon: „Mache ich das richtig so?“

Es heißt zuuuuzeln, nicht zutzeln

Von Anfang an ist mir bei diesem Unterfangen klar: Das wird ein Sprung ins heiße Brühwasser. Schon als mich meine Kollegin Sarah, das Münchner Kindl der Redaktion, das Wort Zuzeln sagen hört, weist sie mich schockiert darauf hin, dass ich es in Zukunft doch bitte mit einem langem U aussprechen soll. Bestärkt von meiner letzten „How-not-to-be-that-Zugroaster-Nachhilfestunde“ wage ich mich an die letzte Wurst – dieses Mal mit einem extrem ausgetüftelten Plan. Das mittlere Stück trenne ich wie ein Pro von der Haut – zurück bleiben nur die Wurstenden. Es hilft nichts, da muss ich wohl durch: Etwas unbeholfen nehme ich eines der Enden in die Hand und versuche angestrengt daran zu saugen. Obwohl das als gewöhnlicher Ritus des Weißwurstfrühstücks gilt, fühle ich mich in dieser Situation äußerst unwohl. Na ja, immerhin schmeckt’s…

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Kein Meister fällt vom Himmel – Paul gibt sich optimistisch für seine Weißwurstzukunft.

Weißwurstfrühstück – endlich abgehakt!

Nicht nur die zwei Weißwürste, auch die damit einhergehenden Strapazen muss ich jetzt erst einmal verdauen. Beobachter mit Expertise werden mir im Nachgang sogar unterstellen, ich hätte die Wursthälfte eher wie eine Folienkartoffel ausgelöffelt. Nun ja, kein Meister fällt vom Himmel. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich der im Brotkorb vereinsamten Brezn kein bisschen Beachtung geschenkt habe. Aber auch ohne sie fühle ich mich pappsatt und bin froh, bei zwei Würsten geblieben zu sein. „Ja mei, woa des a Gaudi“, höre ich meinen inneren Bayer sagen. Mit einem lautstarken „Ciao Servus“ und einem Lächeln im Gesicht verabschiede ich mich aus der Großmarkthalle. Und auch wenn heute nicht alles perfekt gelaufen ist, bin ich mir ziemlich sicher: Das nächste Weißwurstfrühstück wird nicht lange auf sich warten lassen. Übung macht den Meister.

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