Schnell sind wir uns einig – wir wollen den Herbst einläuten. Gesagt, getan, und eine Bestellung später stoßen wir mit zwei lauwarmen Chai Latte an. Man kennt sie unter anderem durch ihren Buchcontent auf Instagram und vor allem durch ihre authentische Art bei der PULS Reportage des Bayerischen Rundfunks, wobei sie die Community mit zahlreichen Selbstversuchen bereichert. Wir stoßen an mit: Reporterin, Buchbloggi, Moderatorin, Träumerin – Leah Nlemibe. Doch wie viel Mut benötigt es, immer wieder über seinen Schatten zu springen? Und wo liegen die Grenzen einer Frau, die beruflich immer wieder an ihre eigenen geht?
Aufgewachsen ist Leah im Schwabenländle. Mit großen Träumen im Gepäck hat es sie dann für ihr Bachelorstudium nach Berlin verschlagen. Von WG zu WG, von einer inneren Rastlosigkeit und viel Neugier wurde ihre Zeit in Berlin geprägt. Als sie auf ein Casting des Bayerischen Rundfunks aufmerksam wurde, kam ihr das gerade recht – mit einem Casting lässt sich die Bachelorarbeit schließlich auch ziemlich gut prokrastinieren. Einen Monat später wurden wieder die Koffer gepackt. Jetzt lebt sie seit 2023 in München, das inzwischen für sie zum Zuhause geworden ist. Das Gefühl, sich jetzt angekommen zu fühlen, unterscheidet sie dennoch – ihr Herz, ihre Wurzeln, das bleibt ganz klar das Schwabenländle.
Es ist gar nicht so eine bestimmte Wohnung oder eine Stadt für mich, sondern in den meisten Fällen die Menschen, die ich dann vor Ort habe und die mich so wohlfühlen lassen. Aber ich glaube, auch in München ist es langsam so, dass ich die Stadt kenne – also ich muss nicht mehr Google Maps rausholen. Ich weiß, wie ich irgendwie zum nächsten Supermarkt komme, wie ich in einen anderen Kiez komme, wo welche Bahn fährt. Da habe ich immer das Gefühl, jetzt bin ich local und ich bin angekommen, wenn ich einfach aus dem Haus gehen kann und ich meinen Weg weiß. Und ich glaube, das habe ich gerade auch zum ersten Mal in meinem Leben.
Ich hatte das Gefühl, in Berlin war mein Lebensgefühl so wahnsinnig ungehalten und offen. Ich hatte eben dieses, vielleicht auch naive, aber sehr hoffnungsvolle „Alles ist möglich“. Und ich weiß noch, so in meiner ersten Woche, das war so krass für mich, ich bin hier in München die Straße entlanggelaufen und ich habe meine Kopfhörer runtergenommen. Und ich war so: Wow, ich kann hier ohne Kopfhörer entlanglaufen – für mich fühlt sich München an wie so ein Ausatmen. So ein Zur-Ruhe-Kommen. Und Berlin ist halt mehr dieses aufregende Abenteuer.
Es fehlt mir inzwischen nicht, weil ich glaube, mein Berufsleben ist so abwechslungsreich und abenteuergeladen, dass ich mir inzwischen erlauben kann, ein sehr langweiliges Privatleben zu leben, und es tatsächlich auch brauche.
Ich finde es gut, dass da irgendwie so eine Fusion ist und dass ich zum Beispiel einfach Leah vor der Kamera sein darf. Also ich muss nicht in irgendeine krasse Rolle schlüpfen oder ganz viel ablegen. Ich darf awkward sein, ich darf lustig sein, ich darf meinen Gefühlen freien Lauf lassen. Ich darf da sehr viel mitbestimmen und das finde ich total schön. Aber was das Privatleben angeht, zum Beispiel habe ich kein Problem damit, in meiner Wohnung zu filmen und das zu zeigen. Ich habe inzwischen auch schon Freunde vor die Kamera geholt und vorgestellt. Ich glaube auch, sehr viele Zuschauer wissen sehr viel über mich. Aber ich ziehe da schon auch ganz dolle Grenzen. Und ich glaube, das muss ich auch machen, weil, wenn ich alles, alles irgendwie Private öffentlich teilen würde, ich glaube, das würde mich auf lange Frist nicht glücklich machen.
Wir sollen ja an unsere Grenzen gehen und wir sollen eine Herausforderung haben. Deswegen bin ich schon bereit, an Grenzen zu gehen. Aber es ist halt wichtig, dass es an der Grenze bleibt und dass sie nicht überschritten wird. Und was dazu gehört, ist halt auch, dass ich mir vorab schon oft mit Kollegen zusammen Grenzen abstecke. Ein konkretes Beispiel ist die Psychiatrie. Habe ich selber gepitcht, weil ich unbedingt in eine geschützte Station wollte. Bei dem Dreh war halt klar, dass wir auf einer sehr akuten Station sind. Und da war dann auch klar, okay, wenn irgendwie ein Vorfall passiert, dann muss ich halt nach mir gucken. Und dann könnte das auch im Worst Case bedeuten, ich muss diesen Dreh beenden. Und ich glaube, so ein Abstecken ist wichtig, damit meine körperliche Gesundheit oder meine psychische Gesundheit nicht belastet wird. Und das muss man in dem Job auf jeden Fall selber machen. Ich bin halt auch an Klicks gebunden. Ich weiß, dass Leute das feiern oder dass es sie am meisten interessiert, wenn ich am verletzlichsten bin. Ich bin auch oft in Ausnahmesituationen und setze im Vorhinein Grenzen, weil es im Moment schwer ist, sich zu hundert Prozent auf die Emotionen zu verlassen, wenn mein Körper voller Adrenalin ist.
Wer Leah bei ihren Reportagen zusieht, könnte meinen, Angst sei für sie längst ein Fremdwort. Schließlich gehört es zu ihrem Job, immer wieder ins kalte Wasser zu springen – doch auch sie beschreibt sich als ziemliche Overthinkerin.
„Dann mache ich es ängstlich oder unsicher oder lost oder nervös. Aber ich mache es halt trotzdem.“
Ich glaube, außerhalb meiner Komfortzone zu sein, ist meine neue Komfortzone. Weil ich jede Woche ins kalte Wasser springe und ich würde mir eher Sorgen machen, wenn es mir irgendwann egal wäre. Also wenn ich irgendwann so Drehs habe und ich merke, ich spüre gar nichts mehr oder ich langweile mich, dann wüsste ich so: Maybe it’s time for something new. Bei einer Überforderung merke ich halt immer, dass ich so wie gelähmt werde. Ich kann nicht mehr richtig reflektieren im Moment und da geht es mir auch danach schlechter als besser, wenn mich etwas überfordert hat. Dann will ich ja eher aus einer Situation raus. Und bei einer Herausforderung will ich es schaffen und habe auch eine Motivation und so einen inneren Antrieb. Ich glaube auch, für meinen Job muss man sich wahnsinnig gut kennen und wahnsinnig gut auf sich aufpassen können.
Einfach machen. Und vor allem auch alleine machen. Ich finde, davon verlässt man krass seine Komfortzone in unserer Gesellschaft, weil wir darauf getrimmt sind, in einer coolen Freundesgruppe oder mit einem Partner oder jemandem unterwegs zu sein. Aber ich würde sagen, warte nicht, dass irgendjemand mitkommt und deine Hand hält und sagt, es ist okay, dass du das jetzt machst. Du schaffst es. Sondern du musst die Person selber sein und dir selber das Go geben.
Also ich war schon immer so, dass ich immer so ganz viele Fragen hatte und es mir voll wichtig ist, Dinge oder Menschen zu verstehen. Ich bin auch oft wie so ein Kind in so einem Süßigkeitenshop, dass ich ganz viel gleichzeitig will und mache so. Und ich glaube, deswegen ist dieser Job einfach so perfekt für mich, weil es mir ganz schwierig fällt, mich auf eine Sache festzulegen oder jetzt nur auf eine Sache zu beschränken. Und was mich auch inspiriert, ist die Community, weil da so viel zurückkommt und weil ich irgendwie sehe, was es mit Personen macht, dass die halt irgendwie ihre Geschichte erzählen dürfen oder dass wir die allein begleiten oder irgendwie Aufmerksamkeit auf ein Thema lenken, das für die halt total entscheidend ist.
Ich glaube, so ein Traumthema ist, noch mal eine investigative Reportage zu machen. Und ich glaube auch, was auch gerade viel in mir arbeitet, ist so das Thema Schönheitsdruck. Ich würde wahnsinnig gerne mal gucken, was da auch meine persönlichen Grenzen als junge Frau sind und wie ich das in der Reportage erforschen könnte.
Was zuvor als Beunruhigung galt, ist für Leah nun auch ein Marker dafür, dass eine Neuausrichtung stattfinden darf und im gleichen Zuge auch eine Entscheidung abgenommen wird: das Scheitern.
„Ich glaub, inzwischen bin ich auch voll gut darin geworden, einfach zu sagen, wenn ich scheitere, dann scheitere ich halt. Und das macht irgendwie auch das Format und diese Challenges aus, dass wir nicht alles machen, also können, sollen oder perfekt sein müssen, sondern wir testen ja authentisch an uns selber. Aber es ist auch auf jeden Fall was, was ich lernen musste. Was anfangs viel, viel schwieriger noch für mich war, weil ich das Gefühl hatte, ich mache meinen Job nicht richtig. Nichts im Leben ist perfekt und wird es jemals sein.“
So würde Leah ihren aktuellen beruflichen Lebensabschnitt wohl augenzwinkernd betiteln. Klingt trotzdem nach einer ziemlich passenden PULS-Reportage. Nach Abenteuern und ständig neuem Mut im Koffer hat die zuvor lebende Nomadin, wie sie selbst sagt, nun in München ein Zuhausegefühl gefunden. Durch ihre innere Neugier, die sie zu ihrer Passion geführt hat, gab ihr Job ihr schließlich Entscheidungshilfe, anzukommen. Und die Träume im Koffer? Die sind nun ausgepackt. Aber es stehen schon wieder neue vor der Tür.