Für ein sechsmonatiges Pflichtpraktikum habe ich meine Heimat Hamburg verlassen und bin nach München gezogen… Und plötzlich, als das ganze Bräurosl „Angels“ von Robbie Williams mitgrölte und sich dabei in den Armen lag – in der linken Hand die Maß, rechts ein süßer Typ, dem ich wenige Minuten zuvor noch die Zunge in den Hals gesteckt hatte –, setzte sich ein Gedanke in meinem Kopf fest: Ich muss nach München ziehen. Die sogenannten “Gay Wiesen“, welche jeden ersten Sonntag im Festzelt Bräurosl stattfindet hatten mir München als einer der queersten Orte Deutschlands verkauft. Und ich schlug zu! Doch wie bei jedem Impulskauf kamen die Zweifel direkt nach der Entscheidung.
Bayern – das Texas von Deutschland – und ich sollte dort meinen Gay Summer 2026 verbringen? Beruhige dich. Wie schlimm kann es schon werden?, dachte ich mir. Schließlich war München schon in den 1980er-Jahren eine queere Metropole. Selbst Freddie Mercury lebte hier einige Jahre und feierte legendäre Partys. Außerdem kannte ich bereits einige schwule Münchner, die ihre Stadt liebten.
,,Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, Teil einer echten Community zu sein“
Der Winter wurde zum Frühling, und aus einem Hamburger wurde ein Münchner. Passend zur Balz-Saison zog es mich an meinem ersten Wochenende direkt auf eine Gay-Party. Das Vorglühen fand bei einem Bekannten statt: 20 schwule Männer in einer Zwei-Zimmer-Wohnung mitten in München. Ich kannte fast niemanden, war aber sofort überwältigt von dieser Zusammenkunft. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, Teil einer echten Community zu sein. Eine Gruppe von Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen wie ich. In Hamburg hatte ich dieses Gefühl nie so richtig. Ich hatte dort kaum schwule Freunde. Nicht, weil es dort keine queere Szene gäbe – vielmehr habe ich nie den Zugang gefunden. Manchmal ist das eben Glückssache. Nach zwei Sekt-Mate, einer halben Flasche Wein und einem ungenießbaren Shot machten wir uns auf den Weg ins New York. Der Club gehört fest zur queeren Partyszene Münchens. An diesem Abend fand dort die ,,Queer Paradise“ statt. Eine angesagte Partyreihe die durch den Süden von Deutschland tourt „I crash my car into the bridge“, schallte es aus den Boxen, und plötzlich stand ich mitten auf dem Dancefloor. Verschwitzte Körper schoben sich von links nach rechts, während Rihanna und Beyonce den Takt angaben. Neben dem Dancefloor gab es noch eine Lounge und einen großen draußen Bereich – ich war fasziniert. In Hamburg gibt es queere Bars, aber keinen vergleichbaren Club für die Community. Feiern können allerdings sowohl Hamburger als auch Münchner. Ich fühlte mich sicher, frei und sexy!Und so viel sei gesagt: Die Nacht verbrachte ich nicht allein.
Das erste Wochenende war ein voller Erfolg. Meine Neugier war geweckt. Was hatte Münchens queeres Nachtleben noch zu bieten? Auf meiner Entdeckungstour stieß ich auf das Blitz. Dort findet regelmäßig die Cruise statt – eine queere Party, bei der statt Lady Gaga eher Techno aus den Boxen dröhnt. Je weiter meine Expedition voranschritt, desto deutlicher wurde mir das Ausmaß der Szene. Münchens Nachtleben wird zwar oft als tot bezeichnet, doch das queere Angebot kann sich durchaus sehen lassen. Vor allem die Barszene hat es mir angetan. Nirgendwo sonst kann man als schwuler Mann so bequem Barhopping betreiben wie im Glockenbachviertel. Und wenn man ganz wild ist, landet man am Ende noch im Ochsengarten.
Partys sind schön und gut. Zu meinem persönlichen Glück gehört aber auch die Frage nach Liebe und Dating. In Hamburg hatte ich oft Schwierigkeiten, jemanden über einen längeren Zeitraum kennenzulernen. Meist blieb es bei einem oder zwei Dates. Ernsthafte Absichten schienen selten.
In München fühlt sich das anders an. Vielleicht hat ein etwas konservativeres Umfeld auch seine Vorteile. zumindest wenn es um die Partnersuche geht. Ich habe das Gefühl, dass sich die Menschen hier mehr Mühe geben. Dass die Vorstellung, sich auf eine Person einzulassen, nicht sofort Panik auslöst. Und so kam es, dass ich anfing, einen Typen regelmäßiger zu sehen. Süße Dates, wilde Partynächte und viele Gespräche. Mal schauen, was die Zukunft bringt. Die Münchner Schwulenszene wirkt auf mich insgesamt etablierter. Man spürt, dass hier seit den 80ern Strukturen gewachsen sind. Es gibt queere Zentren, Begegnungsorte und zahlreiche Angebote. Sogar eine vom Rathaus organisierte CSD-Afterparty gehört mittlerweile dazu.
Doch auch in München holt einen die Realität irgendwann ein. Die Türen der U6 Richtung Universität öffneten sich. Fünf junge Männer setzten sich mir gegenüber. Es dauerte nicht lange, bis sie anfingen zu tuscheln. Einer von ihnen starrte mich mit unverhohlener Verachtung an. Er starrte mich eine Weile an bis ich ihn schließlich fragte: „Ist irgendwas?“ Keine Antwort. Nur Gelächter. An der nächsten Station stiegen sie zum Glück aus. Später, im Uni-Viertel, ging es weiter. Männergruppen riefen mir etwas hinterher, andere belächelten mich. Plötzlich fühlte ich mich weder sicher noch frei. Und erst recht nicht sexy. Vielleicht waren Baby-Tee, Bandana und Handtasche einfach zu viel für das Uni-Viertel bei Nacht. München ist eben nicht perfekt. es sei denn du trägst das richtige und hältst dich in den richtigen Orten auf.
Also vergeude ich eines meiner wertvollen Twink-Jahre in München? Die kurze Antwort lautet: Nein. Die vergangenen Monate waren voller Partys, Bars, Dates und neuer Erfahrungen. München hat mich positiv überrascht. Gleichzeitig ist die Stadt auch nicht das queere Paradies, als das ich sie mir nach der Wiesn vorgestellt hatte.
Aber vielleicht gibt es diese perfekte Stadt auch gar nicht.
Solange queere Menschen mit Vorurteilen und Ablehnung konfrontiert werden, wird es vermutlich keinen Ort geben, an dem wir uns jederzeit und überall zu hundert Prozent wohlfühlen können.
Trotzdem bin ich froh, hier zu sein. München- ich habe mich verliebt
,,Wahrscheinlich wird es nie einen Ort geben an dem wir uns zu 100% wohl fühlen“