Wiesn 2020: Wenn Vorfreude zu Erinnerung wird

Wiesn 2020: Wenn Vorfreude zu Erinnerung wirdKollektiv Kolumne #12

"I wui wieder hoam, fühl mi da so aloan, brauch koa große Welt, i wui hoam ins Hackerzelt." Als echtes Münchner Kindl bin ich schon über die Festwiese getragen worden als ich selbst noch nicht laufen konnte. Diese zwei Wochen im Jahr, sie sind so besonders, verrückt, wie eine eigene, temporär existente Welt. Und dann kam sie: Die offizielle Ansage, dass die Wiesn 2020 abgesagt ist. Wie es mir jetzt geht, wollt ihr wissen? Dann holt mal die Taschentücher raus. Denn to be honest, ich habe mit den Tränen gerungen.

O'zapft is?! Wohl eher: Auszapft is!

Eine Gedankenreise: Wir schreiben den 21. September 2019. Nach einer vor lauter Vorfreude schlaflosen Nacht, nehme ich ein Bier mit unter die Dusche, zieh mein Dirndl an, schnapp mir eine Breze beim Bäcker (gute Grundlage hin oder her, besser als nichts) und lauf in Richtung Festwiese. An der Schwanthalerhöhe treff ich meine Freunde, wir fallen uns in die Arme und quasseln wild durcheinander - Joa man könnte durchaus sagen: Wir sind vollkommen euphorisiert. Die Kolonne setzt sich in Gang, zehn Minuten später stehen wir vor dem Hacker Zelt. Seit Jahren haben wir hier unseren Stammplatz, die Bedienungen kennen wir beim Namen, bekommen manchmal sogar Wurststalat auf’s Zelt. Und dann der Höhepunkt: Die Schläge – zwei an der Zahl – , die Band gibt „Ein Prosit“ zum Besten und eine völlig mit Volksfest-Glück beseelte Masse ruft „O’zapft is!“ Als ich um kurz nach 12 Uhr bei Thomas die erste Maß entgegennehme, überschlagen sich meine Emotionen. Ich bin einfach nur happy. Denn jetzt heißt es zwei Wochen lang: Wiesnwahnsinn aka ausgelassen sein. So oder so ähnlich läuft es ab. Jedes Jahr. Aber nicht in diesem.

Im Himmel der Bayern. © Geheimtipp München

Was riecht denn hier so streng? - Die Wiesn natürlich!

Für mich sind die zwei Wochen eigentlich immer nur ein bunt gemischter Haufen aus Erinnerungen. Was jetzt genau an welchem Tag passiert ist – um ehrlich zu sein, man verliert etwas den Überblick. Dreizehn Tage waren es 2019. Ja, vielleicht ein bisschen viel. Aber der Motivationsspruch jeden Morgen war: „Es hilft ja alles nix, Wiesn ist nur einmal im Jahr.“ Und heuer, da gibt es sie nicht, unsere geliebte Wiesn. Ganz realisiert habe ich es noch nicht. Aber statt traurig zu sein, erinnere ich mich vielleicht lieber an meine besten Wiesnmomente der letzten Jahre. Daran wie es riecht im Zelt. Eine Mischung aus stickiger Luft, Bier, vielen Menschen, Hendl und Kasspatzn. Wie die nassen Dielen riechen am Morgen, wenn man Teil der Meute ist, die das Zelt als erstes betritt. Wie sich die ersten Schritte in’s Zelt anhören, wenn der Absatz auf dem Holz klackt und das Stimmgewirr und die Blaskapelle immer lauter werden. Ich kann genau sagen, wie der erste Schluck Bier schmeckt, nachdem man sich von zuhause in die volle U-Bahn gequetscht hat und zum Festplatz gehastet ist: Es schmeckt frisch und kühl und nach purer Lebensfreude. Genau das ist es, das ist die Wiesn für mich.

Nicht nur die flüssigen Schmankerl werden den Wiesnfans fehlen. © Geheimtipp München

„Prost du Sack“ - geht auch zuhause mit Tee

Für manche ist die Wiesn das Betrinken bis zum Verlust der Muttersprache, für andere der Kauf eines Plastikdirndls am Hauptbahnhof. Wieder andere tunken ihre Brezn in das Bier oder schütten es zusammen. Aber es gibt Momente auf der Wiesn, da ist das alles egal. Und das ist es, was die fünfte Jahreszeit so besonders macht. Egal woher wir kommen, egal, was wir im Alltag so machen, was wir erreicht haben, ob wir auf Erfolgskurs sind oder gerade einen Durchhänger haben: Wenn die Zeltband „Country Roads“ spielt, sind wir doch irgendwie alle eins. Während ich im Homeoffice an meinem Tee nippe, sage ich leise „Prost du Sack“ in mich hinein. Im Hintergrund läuft meine "O’zapft" Playlist, die ich normalerweise ab August zum Einstimmen höre. Dieses Jahr ist es Erinnerungsmusik.

Sound für's Bierzeltfeeling zuhause

Auch der liebe Gott hat die Wiesn gern. © Sarah Langer

Wiesn-Magic lives on!

Wer jetzt denkt „Das ist doch alles etwas übertrieben!“, der hat der Festwiese wohl noch nie einen Besuch abgestattet. Dieses Jahr ist alles anders. Und das ist, auch wenn's echte Oktoberfestfans wie mich schmerzt, gut so. Gerade sprechen alle von einem gemeinsamen München. Ein gemeinsames München, das ich persönlich auch immer in den vielen, besonderen Wiesnmomenten entdecke. Denn auf der Festwiese herrscht ein Magie, wie ich sie von keinem anderen Ort kenne. Also lasst uns doch versuchen, diese Magie nicht nur ins nächste Jahr zu retten, sondern sie sogar stärker werden zulassen! Jeder der schon einmal eine Diät gemacht hat, kennt das Phänomen: Manche Dinge weiß man besonders dann zu schätzen, wenn man mal drauf verzichten muss. 

Bilder von Geheimtipp München und Sarah Langer. 

Dieser Beitrag ist auf redaktioneller Ebene entstanden. 

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Sarah Langer

Sarah ist ein echtes Münchner Kindl. Heißt: „Gmiatlichkeit” hat für sie oberste Priorität. Ihr Herz schlägt für Electro-Funk-Musik und Weinschorle. Bar oder Berge, Currywurst oder Salat, Hund oder Katze – festlegen gehört definitiv nicht zu ihren Stärken. Dafür aber Kreativität, Lebensfreude und ein guter Schuss Sarkasmus.