Wie viel Jogginghose verträgt die Schickeria?

Wie viel Jogginghose verträgt die Schickeria?Grantler Kollektiv Kolumne #7

Es gibt wohl kein Teil im Modealltag, was umstrittener ist als sie: Die Jogginghose. Wenn Karl Lagerfeld sehen würde, was sich aktuell auf den Seiten der Klatschpresse abspielt, würde er sich vermutlich doppelt und dreifach im Grab umdrehen. Man könnte ja fast meinen, es wäre eine Art Trendsportart geworden in Jogginghose durch die Straßen dieser Welt zu wandeln – schließlich machen das ja jetzt irgendwie alle. Aber muss ich das gut finden? Und verträgt unser konservatives München überhaupt so viel Schlabberlook auf einmal?

Jogginghose, Geheimtipp München, Kollektiv Kolumne, Grantler, München, Schickeria

To wear or not to wear?

Reasons why I love her

Billie Elish wandelt in einem schlafanzugähnlichen Figurenunschmeichler von Gucci über den roten Teppich und sieht dabei aus als wäre sie überraschenderweise aus dem Bett direkt in die Oscarverleihung gefallen. Die feschen Fashion-Blogger posieren auf der Maximilianstraße vor einem Luxus-Lädchen ihrer Wahl und zeigen uns ihren „comfy but apparently very trendy“ Look, dessen Highlight eine graue Trainingshose ist. Und alle finden's cool. Außer ich. Für mich ist die Jogginghose eher so etwas wie eine gute alte Freundin – eine die man schon immer in seinem Leben hatte, die man nur selten trifft, aber mit der es sich immer anfühlt als wäre kein Tag vergangen. Sie sitzt mit mir auf der Couch und hört sich meine Probleme an, verbringt mit mir endlose Stunden am Schreibtisch und gibt mir das unersetzbare „Home is where the Bauch doesn’t have to be eingezogen“-Gefühl. Alles in allem ist sie also eine sehr treue Wegbegleiterin, die ich keinesfalls missen möchte.

Jogginghose, Geheimtipp München, Kollektiv Kolumne, Grantler, München, Schickeria

Bequem isse ja schon... © Geheimtipp München

Immer wieder montags

Es gibt da aber ein Problem in unserer langjährigen Freundschaft: Sie ist mir ein bisschen unangenehm in der Öffentlichkeit. Deswegen versuche ich ihr jeden Montag morgen erneut zu erklären, dass sie leider nicht mitdarf, wenn ich in die Arbeit gehe – obwohl sie dort nicht mal alleine wäre, denn selbst die Geschäftsführung zeigt sich gerne tolerant, wenn es um das gemütliche Beinkleid geht. Und die hat die Kontrolle über ihr Leben (selbstverständlich!)  nicht verloren. Und ich hab’s wirklich versucht, echt jetzt! Letztens bin ich mit ihr zum Supermarkt gegangen, um ihr ein bisschen was von der Welt da draußen zu zeigen. Und das in Schwabing. Also Überwindungslevel hoch 100. Hatte das Gefühl, meine Existenz wurde allerdings entweder vollständig ausgeblendet oder mit einer gerümpften Nase quittiert. Gut, vielleicht war das auch ein kleines bisschen Einbildung – mein Experiment "Wie viel Jogginghose verträgt die Schickeria wirklich?" werde ich dennoch nicht wiederholen.

Jogginghose, Geheimtipp München, Kollektiv Kolumne, Grantler, München, Schickeria

Jogginghosenparty am Container Collective © Geheimtipp München

Gucci Gang? Nein danke.

Klar, es freut mich, dass ihre gesellschaftliche Anerkennung offensichtlich gestiegen ist und man zumindest in unserer Generation nicht mehr automatisch als Kernassi bezeichnet wird, wenn man das unkonservative Kleidungsstück zum Spaziergang ausführt – auch nicht in einer Stadt wie München. Gleichzeitig muss mich dann aber fragen, wie es sein kann, dass es hier tatsächlich Leute gibt, die 1.200 € für eine JOGGINGHOSE ausgeben. Mit dem Klammerbeutel müsste ich gepudert sein! Da fängt die Schickeria, die eine sogenannte Jogginghose im Alltag wahrscheinlich nicht mal mit der Kneifzange anfassen würden, auf einmal an, ihre fancy Designer-Baumwollhöschen zum Business-Lunch zu tragen? Und ich frage mich erneut: Muss ich das wirklich gut finden? Oder darf ich zurecht sagen wie dämlich das aussieht? Ok, zugegeben: Das war eine rhetorische Frage.

Jogginghose, Geheimtipp München, Kollektiv Kolumne, Grantler, München, Schickeria

Hauptsache das Lachen sitzt. Ob in Jogginghose oder in Jeans.

Ein Kompromiss. Ausnahmsweise.

Nein, gut finden muss ich das natürlich nicht. Aber akzeptieren werde ich es selbstverständlich – schließlich leben wir ja nach dem altbekannten „leben und leben lassen“. Ich werde meine treue Verbündete nach wie vor ausschließlich auf dem Sofa tragen und mich weiterhin in der Öffentlichkeit für sie schämen; werde mein Kopfschütteln aber einstellen, wenn meine beste Freundin zum nächsten Dinner in angesagtem Schlabberlook einläuft. Ändert ja schließlich nichts an dem Menschen, der in der Hose steckt. Vielleicht versteh ich den Trend einfach nicht oder bin zu spießig für diese Welt - sogar für München. Aber das ist auch okay – ich liebe sie ja trotzdem irgendwie. Die gute alte Jogginghose.

 

Bilder von Murat Kaydirma für Geheimtipp München.

Dieser Beitrag ist auf redaktioneller Ebene entstanden. 

Julia Knobe

Seit sich unser abenteuerlustiges Nordlicht Julia mit 'nem echten Bayern eingelassen hat, hat sich in ihrem Leben einiges geändert: Statt steifer Brise ist frische Bergluft angesagt! Den Heimathafen Hamburg immer im Herzen, könnte Julia sich ans fesche Dirndl, das süffige Helle und den charmanten Dialekt durchaus gewöhnen.