Wenn den Großstädter die Großstadt stresst

Wenn den Großstädter die Großstadt stresstGrantler Kollektiv Kolumne #6: Entschleunigung, bitte!

Zugegeben, München als stressige Großstadt zu betiteln, mag in den Augen einer Londoner oder vielleicht einer Hamburger Leserin den Anschein erwecken, als vergleiche man das fröhlich dahin plätschernde Alpenbächlein Isar, mit seinen popeligen Schlauchbooten, ernsthaft mit großen Flüssen, auf denen richtige Schiffe fahren und an deren Ufern Container und keine Bierkästen gelagert werden.

Metropole oder Millionendorf? © Geheimtipp München

Manchmal Metropole, meist aber Millionendorf

Ja, München ist die drittgrößte Stadt Deutschlands, aber der Großstadtwind scheint woanders zu wehen. Und diese Eigenschaft schreibt sich die Stadt seit jeher brettlbreit auf ihre Fahnen - außer es lauert eine Olympiade, oder eine WM, da muss man sich kurzzeitig als Metropole ausgeben. Gewöhnlich aber ist die Rede vom Millionendorf, in dem jeder jeden kennt und alle friedlich gemeinsam im Biergarten sitzen. Oder wahlweise mit Laptop oder Surfbrett unterm Arm (aber Hauptsache in Lederhosn') bestens gelaunt ihre Work-Life-Biergarten-Balance zelebrieren. Soviel zum Klischee - die Wirklichkeit sieht anders aus.

Der Grantl-Hahn bleibt zu

Um an dieser Stelle aber gar nicht erst in Versuchung zu geraten, den Grantl-Hahn aufzudrehen, und mit kleinbürgerlichem Zeigefinger die vielen bekannten Nervereien des Münchener Lebens zu kommentieren, seien Leserin und Leser dazu eingeladen, sich bei Gelegenheit zehn Minuten lang den Feierabend-Fahrrad-Verkehr an der Reichenbachbrücke anzusehen - danach kennt man München besser als nach jeder Stadtführung.

Radlchaos ist vorprogrammiert © Geheimtipp München

Pulsuhr-Jogger gegen Liebespaar

Ok, gewagte These, das Gemüt einer ganzen Stadt auf ein Verkehrsnadelöhr zu reduzieren, an dem noch nicht mal Autos fahren…Aber zeigt sich hier nicht genau das, was alle Münchner kennen und keiner zugeben will? Die immer wieder gemalten Bilder, der nördlichsten Stadt Italiens oder des Alpendorfs mit Flughafen lenken den Blick auf das, was München ohne Zweifel so sagenhaft schön macht. Dieses Bächlein (siehe oben), diesen Garten und diese Umgebung gibt es so nun mal kein zweites Mal, und natürlich ist es berechtigt zu sagen, man liebe die Gemütlichkeit und Geselligkeit und schätze die unvergleichbare Lebensqualität - alles schön und gut und wahr. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass nirgendwo anders die Gemütlichkeit so sehr erzwungen und simuliert wird, wie hier. Die Auen, Berge, Wiesen, Museen, Biergärten, Surfwellen und Sommerpicknicks sind nirgends so einfach zu haben, wie hier und trotzdem erscheint der kurze Weg dorthin, wie ein verbitterter Wettkampf aller gegen alle, Hundehalter gegen Kinderwagen, Pulsuhr-Jogger gegen Liebespaar.

Wenn Gemütlichkeit von Gemüt kommt, dann muss man bei sich selbst anfangen.

Aurel Egloffstein

Füße obi vom Gas

Die schiere Aussicht auf Gemütlichkeit muss unter allen Umständen wahrgenommen werden und verkommt zu dem, was der Münchner gerne vehement zurückweist, purem Stress! Wenn Gemütlichkeit von Gemüt kommt, dann muss man bei sich selbst anfangen. Und was wäre passender zur gemütlichen Weihnachtszeit, als ein Appell an die eigene Entschleunigung? Also: walk don’t run, Füße hoch, obi vom Gas!

Ein Apell an die eigene Entschleunigung © Geheimtipp München

Bilder von Achim Frank Schmidt für Geheimtipp München.

Dieser Beitrag ist auf redaktioneller Ebene entstanden.

Aurel Egloffstein

Aurel ist in Schwabing geboren, in Rufweite der Stadelheimer Gefängnismauern aufgewachsen und hat seitdem beim Weltenbummeln noch immer ein Retourticket dazu gebucht. Muss nördlich vom Friedensengel und Südlich vom Harras aber immer noch nach dem einfachsten Weg fragen. Er bleibt erstaunt über die Geheimnisse und Geschichten, die in seiner Heimatstadt wie selbstverständlich an so vielen Straßenecken darauf warten, (wieder) entdeckt zu werden. Müsste er sich in ein Münchner Bauwerk verwandeln, wäre er gern das Öberföhringer Stauwehr.