Rabenkopf

RabenkopfIndian Summer dahoam

Nach all den trüben Tagen scheint die Sonne. Endlich! Die Farben, die in den letzten Wochen gar nicht mehr vorhanden schienen, bohren sich voller Kraft ins abgestumpfte Auge. Ich muss raus aus der Stadt. Jetzt. Ich will mehr davon, bevor der Winter das Leben mit seinen eisernen Handschuhen umklammert. Ab ins Auto und rauf auf den Berg.

Nach einer Dreiviertelstunde Fahrt, die A95 runter, Kochel am gleichnamigen See rechts liegengelassen, stelle ich noch vor Benediktbeuren, bekannt durch sein Kloster, den fahrbaren Untersatz ab. Die Bergschuhe sind schnell am Fuß, mehr braucht es nicht an diesem klaren Tag. Der Boden ist noch nass vom Tau der vergangenen Nacht, die Luft riecht frisch und leicht süßlich nach gefallenem Laub. Vögel zwitschern, und je mehr ich den leicht ansteigendem Feldweg bergan folge, desto weniger kann ich Motorengeräusche ausmachen. Spätestens als ein Bach sich plätschernd seinen Weg zu meiner Linken ins Tal bahnt, scheint es, als gäbe es gar keine motorisierte, hektische Welt mehr.

Der Feldweg wird immer schmaler, die Felsbrocken auf selbigem immer größerer. Nach etwa 45 Minuten Schlenderns und Stapfens bergan bietet sich die erste Möglichkeit zur Einkehr. Mit Bier und Radler oder einer deftigen Brotzeit können sich erschöpfte Wandersleut auf der Orterer Alpe stärken. Die Idee ist auch gar nicht schlecht, schließlich steigt von dort der Weg steiler an, zieht sich in Serpentinen über eine weit gezogene Bergwiese, um schließlich unter gelbgefärbten Ahornbäumen und orangen Buchen zu verschwinden.

Eine Dreiviertelstunde geht’s weiter aufwärts, über Stock und Stein auf einem mit Blättern übersäten Pfad. Und dann wird es schließlich lichter. Die Sonne grüßt durch die Bäume. Ein ausladendes Kreuz steht vor blauem Himmel, und ist es schließlich erreicht, muss man unwillkürlich stehenbleiben. Denn vor einem breitet sich die ganze Kette der bayrischen Alpen aus, in den Tälern weite, dunkelgrüne Fichtenwälder, immer wieder unterbrochen von den roten und orangen Tupfern der herbstlichen Laubbäume, die Bergspitzen felsig und kahl. Dahinter leuchten aus der Ferne die österreichischen Schneeriesen. Atemberaubend.

Und weniger beeindruckend wird es nicht mehr. Ganz im Gegenteil. Nach gebührender Bewunderungszeit folge ich weiter dem Pfad, der am Hang entlang durch gelbliches steppenartiges Gras führt. Ausgesetzt und steil ist es nie. Zur einen Seite lehn sich der Weg an den Hang, zur anderen Seite die stete Weite, die es in der Stadt nie gibt. Die Zeit vergeht wie im Flug, ist auch irgendwann nicht mehr wichtig. Die Staffelalm, die irgendwann hinter einer Biegung des Weges auftaucht und in der ich mich später bei Brotzeit und Bier stärken möchte, lasse ich erstmal bei Seite, stapfe diagonal den Hang hinauf, folge dann den Kehren des ausgetretenen steinigen Pfades und befinde mich wenig später am Gipfel des Rabenkopfes.

Vor mir breitet sich ein grandioses Panorama aus. Direkt unter mir der Kochelsee, dunkel und geheimnisvoll, zwischen rostbraunem Schilfgras und Wäldern, und daraus hervorgehend die Loisach, deren Wasser auch die Isar speist und somit durch München fließt - der Staffelsee, verschlungen und verspielt, - die Stadt Murnau mit ihren roten Dächern - der längliche Riegsee – all das bildet den Vordergrund. Weiter dem Horizont entgegen stechen die Satellitenschüsseln von Raisting aus der grün-gelb getupften Landschaft heraus, dahinter liegt ruhig der Ammersee, und daneben, langgezogen und tiefblau der Starnberger See. Ganz am Rand meines Sichtfeldes lässt sich sogar München in entferntem Dunst erahnen. Das Klinikum Großhadern lässt sich ausmachen, und auch der Olympiaturm. Klein sieht er von hier aus.

Und weit weg ist das alles, wie eine andere Welt. Später werde ich dorthin zurückkehren, aber noch bin ich nicht bereit dafür. Berauscht von Aussicht und klarer Luft springe ich die paar Meter zur Staffelalm hinunter, besorge mir die Brotzeit, auf die ich mich schon seit Stunden gefreut habe, und mache es mir auf der Wiese vor der Almhütte bequem. Und dann auf einmal verliert die Zeit vollends ihre Bedeutung, Stress und Pflichten gibt es nicht mehr. Es ist nur noch Sonne und klarste Alpenluft, Vogelgezwitscher und das weiche Gras, Entspannung.

All das vermengt sich zu dem süßesten aller Träume. Und dann entschlummere ich, umgeben von den nachmittäglichen Klängen der Weite, dem Geruch des Herbstes, warmer Luft...

Lust diese Herbsttour nachzulaufen?!

... Infos zum Startpunkt, Anfahrt etc. gibt's hier.

Frank Achim Schmidt

Achim, Querdenker und vormals Taxilenker, ist südlich von München groß geworden. Im Grunde in Indien sozialisiert und im Herzen immer noch Weltreisender, durchkämmt er mit seiner Kamera die bajuwarische Landeshauptstadt, auf der Suche nach spannenden Geschichten und Aussichten.