Prideweek und CSD 2017

Prideweek und CSD 2017München liebt bunt.

Bunte Gestalten, schräge Kostüme, laute Musik und Flaggen in den Farben des Regenbogens soweit das Auge reicht. Für viele Leute ist der Christopher Street Day genau das. Aber eben auch nicht mehr. Völlig zu Unrecht. Zur Einstimmung auf die Parade am Wochenende haben wir darum mal in die Historie geschaut. Und wir haben mit Münchnern gesprochen, die sich Toleranz wünschen für gleichgeschlechtliche Liebe - auch außerhalb des CSD-Season. 

Gut, die Menschen zeigen sich selbst in teils noch sehr konservativen Städten wie München für eine Woche offen, sich küssende Männer und Frauen gehören in dieser Zeit quasi zum Straßenbild. Ein gefundenes Fressen – nicht nur für alle die, die sich gegen Homosexualität aussprechen. Der CSD bietet die perfekte Einladung für viele Schaulustige, um das Spektakel mit der virtuellen Welt zu teilen, oder um einfach nur das rege Treiben zu beobachten. Gefeiert wird ja schließlich direkt vor der Haustür – Straßen und Plätze der Stadt werden kurzerhand zur kostenlosen Partymeile umfunktioniert. Für viele Leute ist der CSD damit eine gelungene Alternative zum drögen Netflix- & Chill-Wochenendprogramm. Dass das lustige Treiben neben dem Fun-Faktor einen ernsten politischen Hintergrund hat, entgeht dabei vielen. 

"Feiert mit uns die Gleichstellung und die Toleranz!"

Vivienne Villain, Drag-Queen aus München

„Für viele Besucher des CSDs sind wir nur eine Attraktion wie viele andere Veranstaltungen. Sie vergessen oft, dass die CSDs und Straßenfeste, die knapp bekleideten Muskelmänner, die vermeintlich femininen Tunten und die schillernden Drag-Queens eine Demonstration und Teil unserer Kultur und unseres Lebens als LGBTI-Menschen darstellen. Und eben nicht die skurrile Freak-Show, als die die CSD-Paraden von den Medien verkauft und von vielen Menschen wahrgenommen werden. Daher meine Bitte an alle Besucher des CSDs, die wir bisher in Deutschland erreicht haben! Und protestiert mit uns gegen Diskriminierung und für ein offeneres Zusammenleben! Wenn ihr auf skurrile Attraktionen scharf seid, geht besser in den Zirkus.“

Was bedeutet "LGBTI"?

LGBTI steht für „Lesbian, Gay, Bisexual, Transexuell/ Transgender and Intersexual“. Das Kürzel soll alle Arten von Sexualität zusammenfassen, die von der heterosexuellen Norm abweichen.

Aber wie hat eigentlich alles begonnen?

New York in den 60er Jahren: Regelmäßig demonstriert die Polizei offen, dass Homosexualität nicht geduldet wird. Razzien in Schwulenbars sind keine Seltenheit – ebenso selten laufen sie gewaltfrei ab. In der Nacht vom 28. auf den 29. Juni 1969 widersetzt sich plötzlich eine Gruppe trans- und homosexueller Menschen ihrer Verhaftung. Sie lehnten sich gemeinsam gegen die Beleidigungen und die willkürliche Diskriminierung auf. Schauplatz ist die „Stonewall Inn“ Bar – eine Schwulenbar in der Christopher Street – die Straße, die zum Namensgeber für den heutigen Christopher Street Day wird.

© Haase/ Abendzeitung

Mehrere Tage halten die Aufstände daraufhin an. Menschen schließen sich zusammen, demonstrieren gemeinsam für ihre Rechte. Für mehr Akzeptanz. Für Gleichberechtigung. Für die gleichgeschlechtliche Liebe. Es entsteht eine neue Bewegung der Emanzipation – die „Gay Liberation Front“. Erstmals wird nun in der Öffentlichkeit für die Toleranz gegenüber Homosexuellen gekämpft. Auch in Deutschland bleiben die Aufstände nicht unbemerkt. Und trotzdem – erst 10 Jahre später trauen sich die Menschen auf die Straße, um für ihre Rechte zu demonstrieren. Dennoch, diese Demo hatte nicht viel mit dem Spektakel zu tun, wie wir es heute kennen. Rund 400 Teilnehmer treten 1979 in Berlin teilweise vermummt auf die Straße – aus Angst vor der öffentlichen Ächtung.

Wie war das in München?

„Schwul – na und?“ Mit solchen Plakaten zogen am 28. Juni 1980 nun auch erstmals die Münchner auf die Straße. Rund 150 Männer und 30 Frauen. Der Weg führte sie vom Sendlinger Tor in die Innenstadt, über den Viktualienmarkt und Odeonsplatz zum Geschwister-Scholl-Platz. Der krönende Abschluss: eine fulminante Party am Chinesischen Turm.

"Akzeptanz durch Gleichmacherei? Nein, danke!"

Andi, Münchner

„Party, freizügige Outfits und die Freude am Flirten sollen beim CSD als Errungenschaft gefeiert werden. Ich verstehe die viele Kritik nicht, dass die LGBTI-Gemeinde sich mit den Demonstrationen weltweit ins eigene Bein schießt, wenn sie sich extravagant aufführen oder kleiden. Ist es nicht genau diese Freiheit, für die wir seit Jahren kämpfen?! Wenn Leute sagen, dass wir selbst daran Schuld sind, dass die Ehe für Alle so zögerlich umgesetzt wird, in dem wir uns so „aufführen“, will ich mir an den Kopf fassen! Ich möchte keine Rechte erhalten, in dem ich andere Rechte aufgebe. Wenn Leute sagen, dass wir uns doch gediegener zeigen sollen und den Heten so symbolisieren sollen, dass wir genauso sind wie sie, will ich sie wachrütteln. Akzeptanz durch Gleichmacherei? Nein, danke! Ich will nicht nur respektiert und anerkannt werden, wenn ich mich anpasse. Das ist nicht das Ziel des CSDs, im Gegenteil. Ich will trotz Unterschiede gleiche Rechte und Anerkennung, denn weniger wert bin ich mit Sicherheit nicht! Das bedeutet für mich der CSD.“

 

Und heute?

Mittlerweile ist der CSD eine schillernde Parade, die trotzdem und immer noch, ein Zeichen für die Rechte der Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender setzen will und muss. Die eigentlich politische Botschaft rückt durch das Schauspiel der modernen Massenveranstaltung in den Hintergrund. Bis zu eine Millionen Menschen zieht es teilweise in den großen Städten auf die Straße. Anstatt sich zu vermummen, können die Kostüme heute nicht schräg genug sein. Die Bewegung rund um den Kampf für gleichgeschlechtliche Liebe und das Verschwinden von Gender-Konventionen ist selbstbewusst geworden. Und das ist auch gut so.

"Ich feiere, dass ich einfach sein darf, wer ich wirklich bin."

Daniel, Zugereister

„Für mich ist der CSD, um ehrlich zu sein, eine große Party. Ich feiere, dass ich offen gay und (trotzdem) richtig happy sein kann. Mir geht's gut - ganz schön gut sogar. Ich darf einfach sein, wer ich wirklich bin. Ich habe liebevolle Eltern, wunderbare (auch Hetero-)Freunde und einen Job in einer lockeren Branche. Dafür bin ich dankbar, das feiere ich! Klar, auch ich kenne pöbelnde Trottel in der U-Bahn oder angewiderte Blicke, wenn mir mal nach Händchen halten in der Öffentlichkeit ist. Das tut weh... KEINE "Ehe für alle" auch - aber das ist ja endlich passé... Okay, ich bin weit davon entfernt, dass mir der Richtige einen Ring an den Finger steckt. Trotzdem ist es schön, dass es geht - falls es doch mal so weit ist. Love wins, wir sind alle gleich. Und mir geht's gut, das ist wahr! Wirklich schlimm ist, dass es nicht jedem in der LGBT-Community so gut geht wie mir. Die Realität: Hetze, Gewalt sogar Mord und Totschlag. Es gibt Länder auf dieser Welt, da wäre Angst mein trauriger Alltag. Schon beim Gedanken daran wird mir schlecht: Menschen wie ich, fliehen aus ihrer Heimat - in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Ein Leben, das - für mich - ganz normal und fast schon nichts besonderes mehr ist. Das ist hart. Das tut weh. Danke CSD.
Ich werde feiern - ganz bewusst. Denn ich bin so dankbar, dass es bei mir ist, wie es eben ist.“

CSD 2017 - Bunt feiern! Aber mit Respekt.  

Party und Demo – der CSD zeigt, dass sich beides vereinen lässt. Natürlich passiert es, gerade in unserer heutigen, schnelllebigen Zeit, dass die Geschichten zur Nebensache werden. Beim CSD geht es nicht darum, mit griesgrämiger Miene und Demo-Schildern durch die Gegend zu laufen. Aber man sollte Platz schaffen und sich die Zeit nehmen, etwas tiefer zu blicken. Lange hat die Gemeinschaft für die Rechte gekämpft und erst kürzlich gab es einen großen Erfolg in Deutschland zu feiern, der eindeutig viel zu lange auf sich warten ließ: am 07. Juli hat der Bundesrat die Ehe für alle offiziell beschlossen. Die ersten Hochzeitsglocken für gleichgeschlechtliche Paare klingeln dann ab dem 1. Oktober.

"Der Kampf für gleiche Rechte geht weiter. Aber ich gebe nicht auf."

Sheldon, lebt in München

„Ich habe 2001 meinen amerikanischen Freund "geheiratet". Richtiger ist: wir haben uns verpartnert. Zu diesem Zeitpunkt waren wir schon 12 Jahre zusammen. Mein Freund kam aus den USA und wir hatten vom ersten Tag an Probleme mit Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitspapieren. In den USA gab es zu diesem Zeitpunkt keine Möglichkeit zu heiraten. Ich hatte zwar Arbeitspapiere für die USA, die sind jedoch abgelaufen, als mein Partner an Krebs erkrankte und 2014 starb. Als er gestorben ist, fing für mich der finanzielle und emotionale Albtraum an. Ich musste mir jede Hilfe wie Witwerrente und Eigenheimzulage gerichtlich erkämpfen. Für jedes verheiratete Heteropaar sind all diese Dinge selbstverständlich. Es ist eine Schande, dass 2017 in Deutschland immer noch mit zweierlei Maß gemessen wird. Homo / Hetero. Steuern werden von den Homos genommen. Trotzdem hatten wir bis vor kurzem immernoch nicht dieselben Rechte. Für mich geht es jetzt darum, die eingetragene Lebenspartnerschaft in einen Trauschein umzuwandeln. Der Kampf geht also weiter und ich gebe nicht auf bevor ich/wir Homos die gleichen Rechte haben. Love & Peace!“

Pride Week München - großes Programm für alle!

Liebe und Frieden für ALLE – nur eine von vielen Botschaften, die es sich lohnt beim CSD kundzutun. Die Chance habt ihr jetzt, ja, genau jetzt! Denn die Prideweek dauert noch bis zum 16. Juli an. Jeden Tag finden in München interessante Diskussionen, Vorträge, Ausstellungen und Filmvorführungen statt. Die große Politparade am Samstag, 15. Juli, ist definitiv ein Highlight des CSDs. Und am Sonntag, 16. Juli, geht's dann auf dem Straßenfest rund. Alle Veranstaltungen aufzuführen würde hier den Rahmen sprengen. Deswegen schaut doch selbst mal in das Programm der diesjährigen Pride Week in München! Die Vielfalt der Liebe - welcher Anlass könnte einen schon mehr in Partystimmung bringen?! 

Anna Pauels

Anna – unsere Wahlmünchnerin fällt nicht nur durch feuerrote Haare, sondern auch durch mehrere Tattoos und Piercings auf. Sie liebt das Extreme und weiß nicht nur in Sachen Körperkult, wo der Bär steppt - sondern auch, in welchen Münchner Clubs und Bars. Ganz getreu dem Motto: Wer aus der Reihe tanzt, hat mehr Platz zum Tanzen.