Oh Martha!

Oh Martha!Wie Loriot es immer noch schafft, uns zu verzaubern

Ob Friedrich von Flotow und Wilhelm Friedrich bei der Uraufführung ihrer "Martha" 1847 in Wien wohl geahnt haben, dass sie heute, 172 Jahre später, immer noch in aller Munde sein würde? Wahrscheinlich eher weniger. Na gut. Ganz unbeteiligt ist Komik-Urgestein Loriot an dieser Tatsache vermutlich auch nicht. Der bekennende Opern-Liebhaber verpasste der romantisch-komischen Oper 1986 für die Stuttgarter Staatsoper einen unverkennbar loriotigen Anstrich und bringt damit heute immer noch Glanz, Gloria und Intrigen auf die Bühne des historischen Gärtnerplatztheaters.

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Lady Harriet Durham (Jennifer O'Loughlin) und ihre treu ergebene Freundin Nancy (Valentina Stadler) © Christian POGO Zach

Als wir spitzkriegten, dass vor einigen Tagen die 125. Vorstellung des Kultstücks auf dem Spielplan stand, beschlossen wir schnell: Nix wie hin! Loriot hat uns schließlich noch nie enttäuscht. Kaum auf unseren Plätzen niedergelassen, fährt der imposante Theater-Kronleuchter auch schon nach oben und der Vorhang geht auf. Zu sehen ist die theatralische Lady Harriet Durham und ihre schelmische beste Freundin Nancy, die genau die Art von Freundin ist, die Frauen brauchen. Während Harriet aka Jennifer O’Loughlin sich nämlich lautstark in ihrem Selbstmitleid suhlt, versucht ihre treu ergebene Vertraute sie mit guten Ratschlägen aufzuheitern. Die „leicht“ verzogene Lady sitzt in ihrem protzigen Schloss und heult, weil der richtige Ritter noch nicht auf seinem Schimmel angeritten kam.

Dabei sorgt sie mit ihrer beeindruckenden Stimme von der ersten Minute an für Gänsehaut. Und auch Anna-Katharina Tonauer, die in unserem Falle die Rolle der Nancy spielt, enttäuscht die Zuschauer mit ihrer vergleichsweise tiefen Stimme keine Sekunde lang. Kein Wunder also, dass Lord Tristan Mickleford, der hoffnungslose Verehrer der Harriet - und eine echt arme Sau - sich unsterblich in das blond gelockte Stimmwunder verliebt hat.

Nachdem die beiden abenteuerlustigen Freundinnen einen verrückten Plan gegen ihre Langeweile geschmiedet haben, sieht man im zweiten, sehr liebevoll gestalteten Bühnenbild den Markt zu Richmond, auf dem sich arbeitstüchtige Mägde den Bauern anbieten. Alle können sie scheuern, mästen, backen, spinnen oder stricken – nur die zwei Möchtegern-Hilfskräfte Harriet und Nancy haben von Arbeit eigentlich so gar keine Ahnung. Auf Grund eines dummen Missverständnisses landen sie jedoch bei den sympathischen Brüdern Lyonel und Plumkett, um ihnen widerstandslos zu dienen. Ja, und dann passiert halt das, was nur allzu oft passiert, wenn Männlein und Weiblein aufeinandertreffen: Einer verliebt sich...

Und so nimmt das Übel dann seinen Lauf. Martha lehnt den recht verfrühten Heiratsantrag des schönen Lyonels ab und flüchtet zusammen mit Julia dank der Hilfe des großzügigen Lords aus der unaufgeräumten Junggesellenbude.

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Plumkett (Holger Ohlmann) und Lyonel (Alexandros Tsilogiannis) lassen sich von Julia/ Nancy (Ann-Katrin Naidu) und Martha/ Lady Durham (Jennifer O'Loughlin) an der Nase herumführen © Christian POGO Zach

Nach einer kurzen Pause leitet Bruder Plumkett den zweiten Akt mit den Worten „Hurra dem Hopfen“ ein und spricht dem bayerischen Publikum mit seiner Ode ans Bier selbstverfreilich erstmal aus dem Herzen. Kurz darauf – nach einem weiteren unglücklichen Zwischenfall – schickt die unverfrorene Martha den armen Lyonel in den Kerker, nur um kurz darauf zu erfahren, dass der eigentlich gar nicht aus so schlechtem Hause kommt, wie gedacht. Um seine Gunst zurückzugewinnen, schmiedet sie mit seinem Bruder und ihrer Nancy einen wirkungsvollen Plan. Diesem vorgetäuschten Liebesbeweis, der eigentlich nur eine Fassade der unaufrichtigen Gesellschaft darstellt, kann Lyonel natürlich nicht wiederstehen und zack, sind sie wieder ein Herz und eine Seele.

Ganz grob umrissen, ist die Martha also eine Liebesgeschichte, die eigentlich keine Liebesgeschichte ist. Die vordergründigen Emotionen des Ehrenfräuleins der Königin haben nämlich nichts mit Freude und Liebe zu tun, sondern eher mit Furcht, Gier und Verachtung. Furcht vor dem Alleinsein, die Gier nach Status und Geld und natürlich die Verachtung gegenüber ihrer Mitmenschen. Statt daraus allerdings eine tragische Oper entstehen zu lassen, hat Loriot es – mal wieder – geschafft, einen wahnsinnig erheiternden Rahmen zu schaffen, der vor trockenen Gags und herrlich humorvollen Details nur so strotzt.

Zum Beispiel wäre da ein Oberkellner, der in der wohl dramatischsten Szene des Stücks, die sich in einem Waldrestaurant abspielt, ganz ungestört nach Feierabend die Stühle hochstellt und abkassiert. Während sich der Rest des Ensembles mit einem gesellschaftlichen Drama der Extraklasse auseinandersetzt. Womit auch sonst?!

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Da macht Kultur gleich noch mehr Spaß: Der prächtige Theatersaal

Aber wir dürfen nicht nur Loriots Arbeit loben: Die Darsteller des Schauspiels haben ein Feuerwerk der Begeisterung bei den Zuschauern losgetreten. Ohne die kräftigen Stimmen, die charaktervolle Mimik und die zauberhaften Tanzeinlagen wäre eben auch das beste Drehbuch nur ein Drehbuch gewesen. Nicht zu vergessen das Orchester, das die sowieso schon melodischen Lieder von Friedrich von Flotow in echte Ohren-Schmankerl verwandelt hat. Alles in allem war das ein ganz besonderer Abend, den wir Theater-Liebhabern und Kulturbanausen sehr ans Herz legen können. Aber seid schnell: Die Kult-Oper läuft nur noch am Freitag, den 25. Januar und am Mittwoch, den 30. Januar.

Pics by Gärtnerplatztheater/ Christian POGO Zach.

Julia Knobe

Seit sich unser abenteuerlustiges Nordlicht Julia mit 'nem echten Bayern eingelassen hat, hat sich in ihrem Leben einiges geändert: Statt steifer Brise ist frische Bergluft angesagt! Den Heimathafen Hamburg immer im Herzen, könnte Julia sich ans fesche Dirndl, das süffige Helle und den charmanten Dialekt durchaus gewöhnen.