Mit Zero Waste Heldin Hannah Sartin im OHNE Supermarkt

Mit Zero Waste Heldin Hannah Sartin im OHNE SupermarktFaces of Minga #16

Als Hannah Sartin und ihr Mann Carlo Krauß im Jahr 2014 beschließen von nun an nach dem Zero Waste Prinzip zu leben, merken sie schnell, dass das gar nicht so einfach ist. Das Angebot von unverpackten Lebensmitten ist gering, der zeitliche Aufwand, vor allem mit zwei kleinen Kindern, enorm. Gäbe es in München doch nur einen verpackungsfreien Supermarkt! „Eines Tages saßen wir zusammen und dachten uns: Wieso machen wir es nicht einfach selbst?!“ erinnert sich Hannah. Heute, sechs Jahre später, haben die beiden den zweiten OHNE-Supermarkt in München eröffnet. Wir haben die Zero Waste Heldin und Gründerin der OHNE-Filialen in ihrem Laden in Haidhausen getroffen und uns eine ganze Menge Inspiration und konkrete Tipps für einen müllfreien, nachhaltigen Lebensstil geholt.

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Der Laden in der Rosenheimer Straße hat seit Anfang 2019 geöffnet © Geheimtipp München

Ein Buch, das alles verändert hat

Als wir den OHNE-Laden in der Rosenheimer Straße betreten, fühlen wir uns gleich wohl. Alles wirkt klar, freundlich und durch das helle Holz sehr natürlich. Die vielen, selbstgebauten Spender aus Glas sind unter anderem gefüllt mit Linsen, Nudeln, Haferflocken oder Nüssen. Haarseife und Zahnbürsten aus Bambus liegen in den Regalen. Es gibt viel zu entdecken, natürlich alles OHNE Verpackung. „2014 sah es das in München ganz anders aus“, erinnert sich Hannah. Damals lebten sie und ihr Mann Carlo überhaupt nicht Müll frei. „Wir haben zwar viel darüber nachgedacht, aber dann im Biomarkt trotzdem Sachen verpackt gekauft“, erzählt sie uns, während wir uns neben sie an die Kasse setzen. Dann fiel ihr das Buch „Zero Waste Home“ von Bea Johnson in die Hände. Hannah war sofort inspiriert und dachte sich: „Wenn das in den USA klappt, dann mit Sicherheit auch in München!“

Früher: Zero-Waste = sehr kompliziert

Leichter gesagt als getan. Denn schnell merken Hannah und Carlo, dass das gar nicht so einfach ist. „Ich bin mit meiner eigenen Box an der Käsetheke abgewiesen worden“, erinnert sie sich. Und auch sonst mussten beide oft ihr verpackungsfreies Einkaufsverhalten in Läden erklären, wenn es denn überhaupt eine Option gab. Denn außer Brot, Obst und Gemüse gab es damals kaum eine Möglichkeit an unverpackte Produkte zu gelangen. „Wir haben zum Beispiel Nudeln einmal die Woche selbst hergestellt und dann eingefroren“, erzählt die zweifache Mama. „Das ging aber nur, weil ich da in Elternzeit war und es mir Spaß gemacht hat.“ Dass dieser zeitaufwendige DIY-Weg nicht für alle funktioniert, versteht Hannah total. Auch wenn Zero-Waste deutschlandweit immer mehr zum Thema wurde, in München tat sich nichts.

Das inspirierende Interview gibt´s auch im Podcast zu hören

Ein verpackungsfreies Leben für alle ermöglichen

Eines Tages saßen die gelernte Schneiderin und der lösungsorientierte Ingenieur zusammen und stellten sich die Frage, wie sie dieses Problem beheben könnten. Sie entschieden sich einfach selbst einen Laden zu eröffnen. „Wir wollten so allen einen Zugang zu einem verpackungsfreien Leben ermöglichen und zeigen, dass es funktioniert“, erzählt sie uns. „Dabei sollte keiner das Gefühl haben, auf vieles verzichten zu müssen.“ Über ein Crowdfunding Projekt machten die Beiden 2015 auf sich und ihre Idee aufmerksam. Der Erfolg und die positiven Rückmeldungen ließen nicht lange auf sich warten. Auch Christine Traub hörte so von dem Zero-Waste-Supermarkt Projekt und war sofort Feuer und Flamme. Kurz danach schloss sie sich dem Duo als dritte Geschäftsführerin an und kümmert sich seitdem um Buchhaltung und Finanzen der Geschäfte.

5 Zero Waste Tipps von Hannah

  1. "Starterpack" an die Haustürklinke hängen: 1 Dose, 1 Glas, 2 kl. Stoffbeutel, 1 Einkaufsbeutel
  2. Ecosia statt Google nutzen
  3. Qualität vor Quantität
  4. Skeptisch sein bei großen Marken
  5. Lokal einkaufen

Erfolgreiches Konzept mit hoher Nachfrage

Und so eröffneten sie 2016 dann ihren ersten verpackungsfreien Supermarkt in der Schellingstraße. Zulieferer von biologischen, verpackungsfreien Produkten zu finden war zwar nicht einfach, doch ihr Vorteil war, dass sie als Privatkonsumenten bereits viele Hersteller und Höfe ausfindig gemacht hatten. Der Laden wurde ein voller Erfolg, die Nachfrage war uns ist groß. Viele Haidhausener kamen extra in die Maxvorstadt, um dort verpackungsfrei einzukaufen. Deshalb eröffneten die drei Gründer Anfang 2019 ihren zweiten OHNE-Laden in der Rosenheimer Straße. „Es gibt Produkte, die wir noch nicht haben, bzw. wo es noch keine ideale Lösung gibt“, erzählt Hannah. „Zum Beispiel würden wir gerne auf Einweggläser verzichten, aber Senf oder Soßen werden ansonsten nur in Großverpackungen wie Plastikeimern geliefert. Deshalb weichen wir lieber auf das Einwegglas aus, das kann zumindest recycelt werden.“

Auf Zero Waste umstellen ist ein Prozess

Hannahs Passion, die Welt ein Stückchen Müllfreier zu machen, hat hohe Wellen geschlagen. Sie und ihre Mitgründer haben mit ihrem OHNE-Markt ein Zeichen gesetzt und gezeigt, dass ein Leben mit Zero Waste möglich ist. Ihren eigenen Lebensstil anderen aufzwingen möchte sie dabei aber auf keinen Fall. „Wir sind ziemlich undogmatisch“, beschreibt es Hannah lächelnd. „Das Zero-Waste-Leben sind wir in erster Linie für uns selbst angegangen, weil es uns interessiert und wir daran glauben.“ Wenn zum Beispiel in ihrem Laden in der Schellingstraße ein Kunde vom Nachbarsupermarkt rüberkommt und sich sein Müsli abfüllt - in der anderen Hand ein Six-Pack Plastikflaschen - dann ist das für Hannah schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. „Natürlich finden wir das mit dem Wasser nicht gut, aber wir sollten trotzdem jedem seinen Weg zugestehen. Das ist auch ein Prozess, der nicht von heute auf morgen passiert“, weiß sie.

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Die inspirierende Hannah Sartin setzt ein Zero-Waste Zeichen in München © Geheimtipp München

Mehr Aufklärungsarbeit, Jahredmüllgläser & unverpackte Tomaten

Im Gespräch mit Anderen merke sie oft, dass die negativen Auswirkungen von Plastikmüll noch nicht tief genug im Bewusstsein aller verankert sein sagt Hannah. „Wenn ich heute zum Beispiel auf Messen noch gefragt werde, was Mikroplastik eigentlich ist, merke ich, dass es noch viel mehr Aufklärungsarbeit bedarf, vor allem im politischen Bereich.“ Hannah ist aber fest davon überzeugt, dass jede positive Veränderung Auswirkungen hat: „Es gibt Kleinigkeiten, die wir verändern können, ohne großen Aufwand. z.B. Obst und Gemüse gibt es mittlerweile unverpackt in den Supermärkten. Dann nehme ich eben die Strauchtomaten und nicht die Datteltomaten in der Plastikverpackung.“ Hannahs Kinder haben ein 500ml Glas Zuhause, in dem sie ihren Jahresmüll sammeln. So schaffen die Eltern bei den Kids ein Bewusstsein für den eigenen Müllverbrauch. "Die Beiden sind ganz stolz auf ihr Glas, packen es immer wieder aus und zeigen es Freunden", sagt Hannah und lächelt liebevoll. 

Der Weg zum Zero-Waste Leben: Das eigene Kaufverhalten analysieren

Wir wollen wissen: Wie haben es Hannah und ihre Familie geschafft, sich aus dem Strudel der Konsumgesellschaft zu lösen? „Es ist wichtig, jede seiner Kaufentscheidungen zu hinterfragen“, erklärt sie uns. Hannah und ihr Mann haben erst einmal einen Konsumstopp gemacht und geschaut was sie alles Zuhause haben. „Und dann stellt man fest, dass man tausende von Kugelschreibern und zig Packungen Linsen im Regal hat“, erinnert sich Hannah lachend. Daraufhin haben die Beiden ihre eigenen Kaufgewohnheiten analysiert. „Ist das ein Impulskauf? Kaufe ich nur, weil es gerade Angeboten wird? Schmeiße ich viel weg? Heute entscheiden sie sich bewusst für die Sachen, die sie konsumieren. Das sei um einiges weniger als früher. Dafür aber fair produzierte und reparierbare Produkte. Impulskäufe gibt es nicht mehr. „Wir versuchen, aus dem was da ist zu schöpfen. Also Secondhand. Oder wir leihen und verleihen Dinge im Freundeskreis."

Lust auf frischen Kaffee, Brot und feines Gebäck? © Geheimtipp München

Vom Privileg verpackungsfrei zu leben

Da der OHNE Supermarkt grundsätzlich nur verpackungsfrei beziehe, sei die Auswahl kleiner, erklärt uns Hannah. Preislich halte es sich, im Vergleich zu anderen zertifizierten Bioläden, aber die Waage. Manufakturware und Produkte die OHNE von kleinen, lokalen Betrieben bezieht, sind verständlicherweise auch ein wenig teurer. "Es ist ohne Frage ein Privileg so zu leben und sich Gedanken über den eigenen Konsum machen zu können", sagt Hannah.. "Es ist ein schwieriges Thema. Da ich aber zum Beispiel auf neue Handys und weite Flugreisen verzichte und wenig konsumiere, kann ich das Geld, das ich dabei spare, in Nachhaltiges Investieren."

(Konsum)frei sein

Hannah wünscht sich einen drastischen, positiven Wandel. Dafür ist es ihrer Meinung nach wichtig, dass die Gesamtbevölkerung besser informiert wird. "Es braucht viel mehr Transparenz und Aufklärung an den Schulen. Auch zu Themen wie Nachhaltigkeit und alternativem Konsum", sagt die Gründerin. Für Hersteller möchte sie klarere Vorgaben, was erlaubt ist und was nicht. Sowie die Pflicht dem Endverbraucher verständliche Informationen an die Hand zu geben. "Wenn man sich vom Konsum abkoppelt, dann gewinnt man ein unheimliches Freiheitsgefühl", sagt Hannah und richtet sich in ihrem Stuhl auf. "Und das ist es auch, was ich mir für die Zukunft meiner Kinder wünsche. Sie sollen merken, dass sie das alles gar nicht brauchen und unabhängig von dem ganzen Wahnsinn glücklich sein können. Das wird ihnen unendliche Kraft geben."

Bilder von Isabell Kloss für Geheimtipp München.

Dieser Beitrag ist auf redaktioneller Ebene entstanden.

Stefanie Manna

Halb sizilianisch – halb bayerisch: Bei dieser Kombo kann ja nur was Verrücktes rauskommen! Wenn Steffi nicht gerade lacht oder isst, redet sie. Oder macht sich auf die Suche nach neuen Abenteuern. Frei nach Pippi Langstrumpf "Lass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar.“ ist Steffi am liebsten mit dem Rucksack auf Reisen. Kommt am Ende aber immer gerne zurück in die Stadt für die ihr Herz schlägt: nach München.