Mit Melody D’Amour im Schwarzen Hahn

Mit Melody D’Amour im Schwarzen HahnFaces of Minga #14

„Was ist eigentlich Burlesque?“ Tja, hätte man uns nicht vor einiger Zeit die charmante Münchner Künstlerin Melody D'Amour vorgestellt, hätten wir vermutlich sowas geantwortet wie: „Das ist das, womit Dita van Teese ihr Geld verdient". Heute können wir sagen: Hinter den eleganten Korsagen, den frivolen Kostümen und den lasziven Bewegungen steckt viel mehr, als einfach nur Show. Burlesque, das kann Gesellschaftskritik, Emanzipation, Selbstbefreiung sein. Oder auch alles zusammen. Oder gar nichts davon. Je nachdem, was der Künstler und das Publikum daraus machen. Im Fall von Melody D'Amour wurde mit dank des kraftvollen Spirits der alten Kunstform aus einer schüchternen jungen Frau ein selbstbewusstes Bühnenwunder. Was das Tanzen genau mit ihr gemacht hat und wie es eigentlich so anfühlt, wenn man sich vor Fremden auszieht, hat uns die selbstbestimmte Münchnerin eines schönen Freitagnachmittags bei einem locker-lecker Bierchen in ihrer Lieblingsboazn erzählt: Dem schwarzen Hahn.

Melody auch auf den Ohren...

Tanz-Talent & Schritt-Sensation

Jenny Maron ist gerade mal zarte zwölf Jahre alt, als sie ihr Lampenfieber entdeckt. Die zurückhaltende Einzelgängerin springt bei einem Cluburlaub nicht nur zum ersten Mal über ihren Schatten, sondern direkt auf eine große Bühne. „Wer bin ich und was mach ich hier?“ Nach kurzen Momenten der Unsicherheit, gibt sich die heutige Schauspielerin und Tänzerin einen Ruck und legt einen Schalter um. Einen Schalter, der ihr ganzes Leben verändern soll. Sie fängt an zu tanzen und aus einem Hobby wird ihre größte Leidenschaft: Ob sie in feinster Jazz-Manier übers Parkett schwebt; mit ihren Cheerleading Kolleginnen kunstvoll durch die Luft wirbelt oder die Hip-Hop Szene mit ihren Moves bereichert – während wir glücklich wären, würden wir auch nur eine Tanzrichtung so beherrschen, dass man erkennen könnte, was es sein soll, probiert sich die aufgeweckte Bewegungsvirtuosin durch jegliche Schrittfolge. Mit 18 Jahren kommt Jenny dann schließlich da an, wo ihr Herz sich zuhause fühlt: In der Rockabilly Szene.

© Geheimtipp München

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Ja, was ist es denn nun?

Dieses Burlesque?

Andere Länder, andere Tänze: Während die Kunstform Moulin Rouge in Frankreich zum Beispiel ein ganz großes Ding war, war man in Deutschland eher zurückhaltend mit derartigen Shows. Dabei war es früher schon Burlesque, wenn ein Mann Frauenkleider trug. Alles außerhalb der Norm wurde als "Burlesque" bezeichnet. Heute ist es ein Spiel mit Rollen und Reizen – nicht nur auf die sexuell anspielende Art. wie man vielleicht vermuten würde. Im Vordergrund steht die Unterhaltung. Und ob das auf lustige, klassische oder sogar politische Art passiert, ist jedem Künstler selbst überlassen, erklärt uns Jenny. Es gibt sogar Merkel- und Trump-Acts. Auch wenn wir nicht so ganz wissen, wie wir uns das vorstellen können... und wollen.

It's only Rock'n'Roll, Baby!

Aufwendige Retro-Kleider, heißer Rock’n’Roll und Dita von Teese, die sich in einem Sektglas räkelt: Die Faszination über eine bis dahin fremde Welt ebnet der gebürtigen Münchnerin den Weg in den Burlesque-Zauber und die Kunstfigur Melody D’Amour erblickt das Licht der Welt. Nach einem etwas holprigen Start (wenn ihr jemals das Glück habt Melody persönlich kennenzulernen, sprecht sie bloß nicht auf ihre erste Weihnachtschoreo an… wir hörten da was von einer mittelschweren Katastrophe), wird aus ihr eine beeindruckende Unterhalterin, die es schafft, selbst das seriös dreinblickendste Publikum zu verzaubern und in Jubel zu versetzen. Und sie damit daran zu erinnern, dass das Leben doch eigentlich sowieso schon viel zu ernst ist, als dass man in einer kleinen Kellerkneipe nicht vielleicht auch einfach mal lachen und Spaß haben kann, während sich - ohjeh! - gerade jemand auszieht.

© Geheimtipp München

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Manchmal klassisch, manchmal frech - immer mit einem Augenzwinkern

Und wie einfach das alles bei Melody aussieht! Man könnte glatt neidisch werden. Melody’s Gabe, ebendiese Leichtigkeit automatisch auf ihr Publikum zu übertragen und den Raum mit überschwänglichen, authentischen Emotionen zu füllen, kommt irgendwie Magie gleich: Egal ob sie als selbstironische Elvis-Kopie mit feschem Brusthaar-Toupet und kecken Koteletten den Zuschauern ein schallendes Lachen entlockt oder - Ladies as well as Gentlemen - mit eleganter Korsage, sexy Rüschenhöschen und schwingender Federboa betört – diese Frau hat in allen Szenen viel Klasse. Nicht nur auf der Bühne. Wir wollen wissen: Wie sie das wohl schafft? Nun, auch sie hat Tage an denen sie sich überhaupt nicht danach fühlt, sich vor Publikum auszuziehen, erzählt uns Jenny. Auch da hilft ihr ihre Wunderwaffe, die Selbstironie. "Wenn mich meine Speckrollen nerven, dann mach ich auf der Bühne einfach meine Spässchen damit. Das ist es, worum es beim Burlesque geht - sich selber nicht zu ernst zu nehmen. Für mich gilt das generell für das ganze Leben. Es ist alles oft so ernst, da hilft es manchmal einfach zu Lachen."

Burlesque like Melody!

  • Modeträume

    Retro-Fashion am Gärtnerplatz: Im Alexas in der Utzschneiderstraße finden Vintagelover originale Mode aus den 50er bis 80er Jahren. Kann in keinem Kleiderschrank schaden...

  • Korsett-Know how

    Ein schönes Accessoire für obenrum findet ihr hier: Styleplanet. Geht zwar in die Fetisch-Richtung, aber "Stöbern" ist ja schließlich immer erlaubt...

  • Zugucken!

    Burleque einmal live erleben? Schönes Programm gibt's zum Beispiel auf der Kleinkunstbühne im Theater Drehleier in der Rosenheimer Straße.  

  • Haar-Styles

    Wir haben die Haare schön... schön retro! Cleo führt das Pinsel & Kamm in Sendling und ist nicht nur Profi im Frisuren zaubern, sondern auch eine zuckersüße Person. 

Perfekt unperfekt

Aber was ist es eigentlich, was sie so reizt an diesem Job, der im doch recht prüden Deutschland ein eher selten vertretenes Berufsbild ist? Ist es die Tatsache, dass man auf der Bühne für ein paar Stunden in die Rolle einer völlig anderen Person schlüpfen kann und der Realität entkommen kann? Ist es das einmalige Gefühl, das man hat, wenn man der Mittelpunkt des Geschehens ist? Laut Melody ist es von allem etwas, aber von einem ganz besonders viel: Gemeinschaftlichkeit. Es sind keine Stereotypen, die zählen – es sind die Menschen und die Geschichten dahinter, erzählt Jenny. "Egal ob klein, rundlich, schlank, groß. Schwarz, gelb, weiß. Mit Orangenhaut oder strafft wie ein Babypopo. Jeder findet in der Szene seinen Platz und die Möglichkeit, seine innersten Träume zu entfalten." Übrigens: Gerade die weiblichen Zuschauer fühlen sich verstanden, wenn Melody und ihre Kolleginnen sich im Scheinwerferlicht präsentieren – sie sehen nämlich, das nicht perfekt oft das schönste Perfekt überhaupt sein kann. Wenn es zu einem Menschen gehört, der zu sich steht und echt ist.

Stuttgart: 1, München: 0

Aprops prüdes Deutschland übrigens: Uns ist zu Ohren gekommen, dass die Schwaben noch viel feuriger sind als wir Bayern, was die Show-Stimmung angeht. Das können wir ja jetzt so irgendwie nicht auf uns sitzen lassen, oder? Um den funkelnden Nischenmarkt besser kennenzulernen, muss man in München zwar schon ein bisschen suchen – so wenig Angebot gibt es aber gar nicht. Kleiner Spürfuchs-Tipp: Melody D’Amour veranstaltet auch selbst Shows und hält uns auf ihrer Website natürlich auch regelmäßig über alle Daten auf dem Laufenden. 

© Geheimtipp München

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Krönchen richten, weitermachen!

Ein Einblick in ein faszinierend anderes Leben – und in andere Fettnäpfchen, die einem im Berufsalltag so passieren können. Wenn das erfahrene Showgirl von einem ihrer skurrilsten Auftritte erzählt, wird sie fast ein bisschen rot: „Ich stand im Rationaltheater in der Hesseloherstraße und wackelte vergnügt mit meinen Pasties (für Anfänger: das sind diese hübschen Nippel-Cover), bis eins davon abflog und ich im Freien stand. Witziger Weise hat ein Fotograf genau in dem Moment ein Bild gemacht, das dann so aussah, als ob ich mit meiner Brust die Leute in der ersten Reihe erschießen wollte. “ Während wir wahrscheinlich gebetet hätten, dass der Erdboden sich auftut, damit wir in aller Ruhe darin versinken können, hat Melody selbstbewusst gestrahlt und einfach weiter gemacht. Wir sind sehr gespannt, wie lange noch – immerhin schließt die wunderschöne Rampensau es nicht aus, auch mit 70 noch auf der Bühne zu stehen. „Man entscheidet ja selbst, wie frei man sich macht. Und wie man sich kreativ auslebt. Bis jetzt habe ich immer so Phasen gehabt im Leben, in denen ich Neues für mich entdeckt und mich ein Stück weit auch neu erfunden habe. Schauen wir also mal, was da noch kommt."

Inspirierend frei

Wenn Jenny das sagt, dann lacht sie. Und wir kommen nicht umhin zu bemerken, dass ihre positive Energie ansteckt. Und ihre Lust, sich selber herauszufordern. Wir haben begriffen: Sich auf der Bühne auszuziehen, darum geht es beim Burlesque am Ende gar nicht wirklich. Sondern es geht darum, gemeinsam den Makel zu zelebrieren. Und damit ein Tabu zu brechen, das heute weitaus unsagbarer ist, als nackte Haut zu zeigen. Wenn wir im Alltag öfter mal unser Kostüm ablegen würden, wie viel besser würde es uns allen wohl gehen?...

Lernt Melody doch noch besser kennen!

UND SCHAUT SIE EUCH AM BESTEN LIVE AN!

Das gesamte Interview mit mit Melody könnt ihr euch auch anhören. Über den Button unten geht's zu unserem neuen Talk-Podcast "Zuhause", 

 

 

Fotos von Anna Pauels für Geheimtipp München

Julia Knobe

Seit sich unser abenteuerlustiges Nordlicht Julia mit 'nem echten Bayern eingelassen hat, hat sich in ihrem Leben einiges geändert: Statt steifer Brise ist frische Bergluft angesagt! Den Heimathafen Hamburg immer im Herzen, könnte Julia sich ans fesche Dirndl, das süffige Helle und den charmanten Dialekt durchaus gewöhnen.