Mit Masi Kohestani auf den Optimol-Trümmern

Mit Masi Kohestani auf den Optimol-Trümmern#8 Faces of Minga

Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade draus. Der Weg von Steh-auf-Männchen Masi Kohestani (30) war bisher von so einigen sauren Früchten gespickt. Als Kriegs-Flüchtlingskind musste er in seinem Leben schon mehrmals die Ellenbogen ausfahren. Dann kam der Schock: Ein schwerer Autounfall reißt ihn beinahe aus dem Leben. Aber offenbart ihm auch eine neue Route. Das Rezept, bei allem was passiert nie das Lachen zu verlieren, hat Masi jedenfalls bereits gefunden. Seinen Optimismus und seine Energie bringt er aber nicht nur ins eigene Leben ein - er setzt sich außerdem zum Beispiel gegen das Münchner Clubsterben ein. Anpacken, statt nur tatenlos rumjammern.

Ein bisschen Spaß muss sein! © Geheimtipp München

Von A nach B - Die afghanische Fluchtroute nach Bayern

Bombeneinschläge und Terror vertrieben Masi’s Familie in den 90ern aus Afghanistan über zehrend lange Flüchtlingsrouten in die Idylle des bayrischen Alpenvorlands. Eine komplett neue Welt, mit neuen Regeln und neuer Sprache offenbart sich für ihn. „Du musst dich mit dieser neuen Kultur, die ja auch deine Eltern gar nicht kennen, erstmal vertraut machen. Da bist du einfach auf dich selbst angewiesen.“ Erzählt uns Masi und auch, dass ihm der Anschluss erstaunlich leicht viel. „Diese Ängste vor fremden Kulturen kennst du als Kind ja gar nicht.“ Aus der Fremde wurde schnell ein Zuhause und so schlagen heute nicht nur gleich zwei Herzen in seiner Brust, sondern auch den Pass in der Hosentasche gibt’s für ihn im Doppelpack. „Ich kenne und liebe meine afghanischen Wurzeln, aber hier bin ich aufgewachsen und zuhause.“

Du hast eigentlich keinen Cent verdient und trotzdem so viel Freude gewonnen.

Masi

Das Leben macht keine Pläne

Mit Vollgas durch die Schule und nach der erfolgreich abgeschlossenen Lackierer-Gesellenprüfung standen Masi alle Karriere-Wege offen. Doch dann kostet ihn ein schwerer Autounfall beinahe das Leben. Nur um Haaresbreite springt er damals dem Tod von der Schippe und steht danach schon wieder ganz am Anfang. Sprechen, essen, laufen - das eigentlich Alltägliche neu zu erlernen, raubt ihm nicht nur Kraft, sondern braucht auch einen starken Willen. „So knapp vor’m Abschluss meiner Meisterprüfung haben mir die Ärzte dann gesagt, das sieht schwierig aus - körperlich wird das im Handwerk nichts mehr.“ Das schmeißt Masis Pläne nun abermals abrupt über den Haufen. Aber öffnet ihm auch die Augen für das, was eigentlich schon lange tief in ihm schlummert. „Es war schon immer mein Traum mal im Musikbusiness mein Geld verdienen zu können.“

Aus Alt mach Neu: Das Werksviertel Mitte © Geheimtipp München

Ein Viertel im Wandel © Geheimtipp München

Das neue Kreativzentrum - Container Kollektiv © Geheimtipp München

Fall down. Stand up. Repeat. © Geheimtipp München

Gleichzeitig nichts und alles haben

Mit dem Sonntäglichen Kaiserwetter Mosus Elektro-Open Air gelingt ihm dann auch blitzschnell der Durchbruch. Aus dem Nichts etabliert er sich trotz weniger Mittel fest im hart umkämpften Münchner Kulturmarkt und erntet dafür Ende 2017 prompt Lorbeeren, als er völlig unerwartet den Munich Nightlife Award abräumt. Da oben auf dem Podium mit dem Preis in der Hand kann er sein Glück selbst kaum fassen, denn bis dato konnte er sich als Open Air Underdog grade so über Wasser halten. „Du hast eigentlich keinen Cent verdient und trotzdem so viel Freude gewonnen.“, schwärmt Masi von seinen ersten Schritten in der Branche.

Das Optimol-Gelände

Von Schmiermittel und Schluckspechten

Der Ort unseres Interviews, das Optimol-Gelände hinter dem Ostbahnhof, hat für Masi eine ganz besondere Bedeutung. Nicht nur weil es auch für ihn hier damals die ersten (Tanz-)Schritte ins Nachtleben waren, sondern auch sein neustes Baby die Bullit-Community hat seine Wurzeln im gleichnamigen Club auf dem einstigen Feierareal.

Trümmer & Turntables

Als das gesamte Gelände dann im letzten Jahr endgültig dem Erdboden gleich gemacht wurde, verschwinden auch einige Club-Legenden mit ihm in der Senke. Doch auch hier in den Trümmern sieht Masi noch ungenutztes Potenzial. Kurzerhand übernimmt er die Facebook-Seite des einstig berühmt-berüchtigten Bullit-Clubs. „So was kann man doch nicht einfach verkommen lassen. Da haben wir doch knapp 30.000 Münchner Techno-Freunde auf einem Haufen.“ Und formt daraus eine Plattform, die fortan jungen Münchner Turntable-Künstlern den Zugang zu einer breiten Bühne ermöglichen soll - die Bullitt Community.

Von Blau-Weiß bis kunterbunt

Die üppige Diversität in der bayrischen Landeshauptstadt begeistert den gebürtigen Afghanen nach wie vor: „Ich liebe die Vielfalt in München. Jeder darf sich hier auf seine Art und Weise verwirklichen und hat auch die Chance dazu.“ Und auch dem fast schon theatralischen Nölen um das Münchner Clubsterben steht er mehr als diplomatisch entgegen. Die Innerstädtischen Flächen rechnen sich für kleine Clubs, seiner Meinung nach, einfach nicht. Warum also nicht einfach ins Speckgürtel-Outback wandern? Viel mehr noch prangert Masi die Trägheit der Dancefloor-Jünger an. „Wenn mir Kultur so wichtig ist, dann hocke ich mich auch in den Zug und fahr dahin.“

Im Werksviertel zählen Kontraste. © Geheimtipp München

Ob Sonnenbad mit Speicherstadt-Flair © Geheimtipp München

...oder Knödel schlemmen auf der Alm. © Geheimtipp München

Masi mags. © Geheimtipp München

Step by Step

Was ihn an München stört, will er nicht einfach Anderen in die Schuhe schieben. Vielmehr möchte Masi selbst Hand anlegen „Ich ändere grade was und jeder sollte für seinen Teil gucken, wo er sich einbringen kann, wenn es ihm an etwas fehlt. Nur so können wir gemeinsam wirklich was bewegen.“ Natürlich ist für Masi bereits der nächste Schritt in Aussicht. Kommen soll ein kleines aber regelmäßiges Festival für die neuaufgelebte Bullit-Community. Und auch das klingt vielversprechend, denn das Gespür dafür und das richtige Händchen hat Masi ja nun schon mehrfach bewiesen.

Join the club

Live Turntable Sessions von jungen kreativen Köpfen

Bei der Bullitt-Community erwarten euch frische Sounds aus München. Und regelmäßige Live-Sessions an den Turntables.

Fotos: Anna Pauels & Miles Köhler für Geheimtipp München.

Miles Köhler

Miles - mit dem Herz auf der Zunge und dem Bass im Ohr, tanzt sich unser ehemaliges Hauptstadtkind munter durch Münchens Elektroclubs. Von Kopf bis Fuß in schwarz - aber mit 'ner großen Portion Konfetti, bitte! Auf der Suche nach dem kleinen Hauch Berliner Luft im Augustinerland und dem Tofu-Steak im Weißwurst-Heaven.