Mit Erwin Noll über den Viktualienmarkt

Mit Erwin Noll über den ViktualienmarktHacker-Pschorr's Spezltour Vol. 4

„Eine Reihe von Gurkenbüchschen, untermischt mit kleinen Senftöpfchen; darüber schöne, feine Schinken ohne Knochen mit ihrer gefälligen, runden Form, der gelben Rinde, in einem grünen Busch endigend (…) Ganz oben hingen an einer mit großen, eisernen Nägeln besetzten Querstange Kränze von großen und kleinen Würsten jeder Art, gleich den Schnüren und Troddeln prächtiger Vorhänge.“ Oh, diese “eine ganze Welt von feinen, fetten, im Munde zerfließenden Sachen“, dieser „dem Magen erbaute Altar“. Fast könnte man meinen Emile Zola hätte sich 1873 an keinem geringeren Ort von sanften bis kräftigen Düften inspirieren lassen als Münchens schönstem Ort, dem Viktualienmarkt. Und fast hätte sein Werk auch „Der Bauch von München“ geheißen, würde es nicht am Ende doch um Paris und das Quartier des Halles gehen. Sein Pech unser Glück, und so führt die nunmehr vierte Ausgabe der Hacker Pschorr Spezltour uns genau hierhin. An den Viktualienmarkt, mit F!

Und wahrlich, gibt es einen schöneren Platz in München als den Viktualienmarkt?! Stark zu bezweifeln. Und wie schön wäre es eigentlich, seinen Arbeitsplatz an diesen sagenumwobenen Ort zu verlegen? Genau das kann Erwin Noll von sich behaupten. Denn er war 17 Jahre lang, der „Schandi vom Markt“.

In den 70er Jahren eingeführt, obliegt dem Kontaktler, auch Kobler genannt, die besondere Aufgabe nicht nur für Recht und Ordnung zu sorgen, sondern in erster Linie Ansprechpartner, sowie Freund und Helfer in Personalunion zu sein. Kein Wunder also, dass Erwin mit ruhiger Geste und urgewaltigem Schnauzer bald zu einem der Charakterköpfe überhaupt im Herzstück dieser schönen Stadt avancierte. Und genau diesen einen Bauch der Stadt will er uns mit Anekdoten und kuriosem Erzählgut etwas näher bringen. Seit dem 1. Dezember 1999 war das Revier zwischen Altem Hof, Isartor und Schrannenhalle die Wirkungsstätte des Kontaktbeamten der Polizeiinspektion 11, ehe er sich heuer ausgerechnet am Faschingsdienstag mit Pauken und Trompeten in den Ruhestand begab. Doch von Ruhe kann keine Rede sein, denn Erwin bleibt sich und den Marktleuten treu und folgt dem Motto: Geselchtes statt Uniform.

Einzig die schwarze Ledermappe lässig unterm Arm getragen, erinnert noch an die alten Zeiten des Schandis, der nun mit weißer Schürze an Martin Bablers Räucherkistl feinste Wurstwaren und köstliche Braten aus Österreich unter das hungrige Volk bringt. Und so ist das Kistl nachdem am Skyline-stiftenden Maibaum die Spezl-Bags geschultert wurden, auch unsere erste Station, die uns in unmittelbarer Nähe von Fisch Witte hinter die Kulissen von Erwins neuer Leidenschaft führt. Den köstlichen Kümmelbraten sanft mit einem eisgekühlten Hellen umspült lauschen wir den Geschichten vom Markt und seinen Leuten. Bei knapp 140 Ständen sei es unmöglich mit jedem per Du zu sein, doch bis auf wenige Ausnahmen für die es meist triftige Gründe gibt, sei es auch nur der Respekt vor dem Alter, kennt Erwin sie alle.

Und weida geht's mit der Spezltour und dem ehemaligen Polizeihauptkommissar, der ganz nebenbei auch noch die Vorlage für den Xaver Bartl in der Fernseh-Serie München 7 stellt. Einer wahren Polizisten-Dynastiee entstammend, fuhr der Bruder und Sohn zweier Polizisten schon als kleiner Bua vom Heißhunger auf die guten Dill Salzgurken beim Freisinger mit dem Radl aus Giesing an den Markt. Das salzige Grün wurde dabei schon 1903 das erste Mal in den Chroniken um den Markt vermerkt, die saftigen Gurken mit leichter Kräuternote, schwimmen jedoch um einige Augenblicke frischer in den Fässern.

Als traditionsreiche Brauerei tief in der Region verwurzelt, veranstaltet Hacker-Pschorr von Juni bis September im Rahmen der „Nix für Preißn“-Kampagne eine Stadtviertel-Tour-Serie, "Spezltour" genannt. Darin soll „Zuagroasten“, aber auch interessierten Ur-Bayern unsere schöne Stadt mit besonderen Einblicken mal etwas anders näher gebracht werden. Und zwar von Originalen aus dem Viertel. Münchner Kindl, die die Rolle des Stadtviertelführers übernehmen und die Teilnehmer an ihre Lieblingsplätze führen

Und während Erwin so vom Kartoffelhof und den unzähligen Mittagsstunden an Teltschiks Bratwurststandl erzählt, merkt man dank der nicht enden wollenden Grußworten aus sämtlichen Ecken und Fenstern ziemlich schnell, dass er ein „Schandi zum Anfassen“ war. So stellt er sich sämtlichen Fragen, etwa um die Zahl der Brunnen auf dem Viktualienmarkt oder welchen Stand er besonders empfehlen könne, wenn es um Köstlichkeiten aus dem Erdreich geht. Die besten Pilze holt man beim Gemüsebauern Otto Maier, vorbei am Karl-Valentin-Brunnen warten aber auch schon viele weitere Obstbauern, sowie das Saure Eck und das Honighäusl auf Hungrige und Genießer.

Schnell noch ein Schluck pures Gold, ist ja schließlich schon 12 Uhr, und weiter zur Metzgerzeile, die für sich selbst gesehen schon einige Jahre mehr auf dem Buckel hat, als der gesamte Viktualienmarkt. Wir erfahren von den 7 Stadtbächen, Hygieneproblemen im Mittelalter und dem unbändigen Gestank, der diese Straßenzüge, die heute so verführerisch duften, heimsuchte. Aber einen Zahn muss Erwin uns leider doch ziehen. Die oft besungenen Katakomben unter der Stadt, die gibt es nicht. Bis auf Kühlhäuser, Warenlager und einige leere Schächte, ist die Mär vom Münchener Untergrund leider auch nur das, ein Märchen.

Emotional wird diese Ausgabe der Spezltour nicht nur aufgrund von Erwins erzfreundlicher Erzählweise, sondern auch dank eines Exkurses in das Leben der Fahrer der alten Trambahnlinie, die zumindest einen der Tourteilnehmer zu Tränen rühren. Der Markt und seine Geschichte reichen tief und weit, und wir merken, wie wichtig der Viktualienmarkt für das Leben in München war, ist und noch langen sein wird.

Bevor wir an den letzten Ständen und Brunnen - Grüß dich Roider Jakl, servus Liesl Karlstadt! - vorbeitigern, gönnen wir uns noch die letzten Hellen und das ein oder andere Radler aus dem extra herbeirollenden Lastenfahrrad und haben dann doch mal eine Frage. Gab es denn nie Ärger Erwin? „Oh doch! Sogar eine Anzeige wegen Diebstahls!“, weiß Erwin und berichtet von der unglaublichen Geschichte einer älteren Dame, die über Wochen kiloweise Vogelfutter auf dem Markt verteilte und für eine wahre Tauben-Epidemie sorgte. 2000 Euro soll sie im Monat für diesen Dienst an den fliegenden Ratten aufgebracht haben, ehe Erwin ihr satte 14 Kilo abnahm und dafür zu den Internen Ermittlern musste. „Die Sache ist aber schnell eingestellt worden“, beruhigt er uns während das freudige Ploppen der Bügelfalschen angenehm nachhallt.

Ein Geständnis will uns Erwin aber noch machen, ehe sich das feste und respektierte Mitglied der Dorfgemeinschaft, die es sich mitten in der Innenstadt breit gemacht hat, vor den heiligen Hallen des Pschorrs uns zum späten Mittagessen einlädt. Ziemlichen „Bammel“ will der ehemalige Schandi vom Markt vor dieser kleinen Führung ins Herz der Stadt gehabt haben. Doch dank eines tollen Teams und der vielen Geschichten, war er selbst ein klein wenig überrascht und weiß seine Zeit als gute Seele in Grün noch ein kleines Stück mehr zu schätzen. Der Neue, das ist Paul Daake, den Erwin bereits in sämtliche Geheimnisse um den Markt und seine Händler eingewiesen hat. Aber zur Not ist er ja noch da, am Räucherkistl, wo er den Unruhestand vorzieht, Speckbrote verteilt und dem Viktualienmarkt noch lange erhalten bleiben will. Bevor es dann schließlich an die letzten 0,5er und eine üppige Ochsenbrust auf dem Teller geht, sei jedoch eins gesagt: „Seid’s freundlich zu den Schandis, dann sans die Schandis a!“

Was kommt als Nächstes?

Wer weiß eigentlich wirklich, was hinter den Kulissen der Wiesn so passiert? Wo ist die Wirtsstube im Festzelt, wie sieht es in der Polizei-Station aus und wie meistert es die Küche, so viele Schmankerl auf den Punkt zu schicken? Gemeinsam mit zwei echten Wiesnprofis nehmen wir unsere Spezl mit auf Entdeckungsreise durch die Hacker-Pschorr-Wiesn. Andreas Steinfatt kennt die Wiesn wie kaum ein zweiter: Früher hat er dort selbst gekellnert und ist heute Geschäftsführer von Hacker-Pschorr. An seiner Seite führt Kabarettistin und Gstanzl-Sängerin Liesl Weapon durch den Nachmittag. Nach dieser Tour macht den teilnehmenden Spezln auf der Wiesn so schnell keiner was vor!

Tim Brügmann

Tim Brügman, dessen Wohnzimmer die Konzertsäle dieser Stadt sind, ist der Rockstar unter den Musikjournalisten. Doch kennt die Klaviatur des gebürtigen Münchners nicht nur die groben Feinheiten der musikalischen Welt, auch die feinen Grobheiten des Münchner Nachtlebens lassen ihn nicht kalt.