Mit Christian Ude Lieblingsecken entdecken

Mit Christian Ude Lieblingsecken entdeckenHacker-Pschorr Spezltour #3

Stellt Euch mal München ohne Christian Ude vor! Stimmt, das geht nicht. Wer schliesslich 21 Jahre Oberbürgerbürgermeister war, der hat die Stadt intensiv geprägt. Unvergessen bleiben auch seine technisch astreinen Anstiche vom Oktoberfest. Der Tausendsassa gehört wie der Marienplatz und das Bier einfach zum Münchener Inventar. Schön, dass wir all das verbinden konnten: Das Münchner Kindl hat uns einen Nachmittag auf der Hacker-Pschorr Spezltour mit viel Gerstensaft und Ironie quer durch seine Stadt geführt und dabei aus dem Oberbürgermeister-Nähkästchen geplaudert...


Bei Temperaturen, die wir hier nur aus der Erdinger Saunalandschaft kennen, begrüßt Christian Ude seine Wandertruppe mit seinem typischen Lächeln im Wirtshaus Donisl am Marienplatz: An unserer Stelle wäre er bei der Hitze ja nicht mitgelatscht, aber ihm bliebe als Führer ja nichts anderes übrig. Ansonsten habe er sich das so vorgestellt: Alle sollen schlauer aus dieser Führung gehen als sie reingekommen sind. Und weil wir uns nicht ganz zufällig auf dem Marienplatz am Rathaus befinden, das vier Amtsperioden Udes Büro war, kann er dazu natürlich mehr erzählen, als jeder Wikipedia-Artikel.

Raunen durchströmt die Wandertruppe aber besonders bei dieser Erkenntnis: Natürlich kennen wir alle den Balkon vom 1. Stock, auf dem fast alljährlich der FC Bayern seine Meisterschale in die Luft hebt. Es gibt für die ganz hochrangigen Gäste aber noch den Balkon im zweitem Stock, der Udes gesamten Amtszeit nur einmal für den japanischen Kaiser benutzt wurde. Und Michael Jackson stand da ja auch einst drauf - aber, das hatte weniger mit Ehre als mit einem recht saftigem Scheck zu tun, den der King of Pop dafür locker machte. Wie Ude die Begegnung mit dem Weltstar empfand? Nennen wir es mal so: Intellektuell eher minder inspirierend. Wahre Begeisterung zeigt sich aber auf den nächsten Stationen.

Der mit reichlich eisgekühltem Hacker-Pschorr beladene Retro-Bus kutschiert uns Richtung Udes Kindheit - nach Schwabing. Wir stehen direkt am Siegestor. Ude zeigt uns eine Tür im Bogen und erklärt, dass diese noch nicht versperrt war, als er in seinen Jugendjahren nachts mit Kofferradio, alkoholhaltigen Erfrischungen und Freunden durch die Stadt gezogen ist. Mit verschmitztem Lächeln schwärmt er von den Stunden mit Tanz im stockdunklen Raum im Inneren und erzählt vom traumhaften Ausblick, den man von ganz oben über die Stadt hat - aber auch, dass das Siegestor zum Austragungsort seiner schlimmsten Erfahrungen in seiner gesamten Amtszeit wurde.

Dabei hatte Ude es so gut gemeint: Er wollte den fleißigen Gewinnern eines Schülerwettbewerbs diesen traumhaften Ausblick ermöglichen, obwohl oben keine richtigen Absperrungen angebracht sind. Aller erdenklicher Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz – oben angekommen überkam den Schülern die Lust „Fangen“ zu spielen – es war eine unbändige Lust. Während Ude hilflos in einer Horde tobender Kinder stand, prasselten auch noch Selbstvorwürfe und Existenzängste auf ihn ein. Irgendwie ging dann doch alles gut aus – und selbst mit Schilderungen der puren Verzweiflung schafft Spezl Ude es wieder: Seine Wandertruppe äußerst gut zu amüsieren.

Bei der nächsten Station der Münchner Freiheit wird klar: Wenn man Christian Ude ist, dann dauern Fußwege durch München deutlich länger, in seinem Heimatviertel Schwabing aber am längsten, wie er erzählt, denn alle paar Meter begrüßen ihn Bürger und plaudern mit ihm. Weil ihm der Gemütszustand „genervt“ aber vollkommen fremd zu sein scheint, geht es im lockeren Schlendertempo voran, was der Wandertruppe aber angesichts der Hitze und dem ein oder anderen eingenommenen Schluck Hacker-Pschorr auch sehr entgegen kommt.

Und eine Sache ist Ude an der Münchner Freiheit sehr wichtig zu klären: Der Name Münchner Freiheit kommt nicht etwa von der hedonistischen Lebensweise der Cafebesucher oder der Schwabinger Bohème, sondern erinnert an die Widerstandsgruppe Freiheitsaktion Bayern die im April 1945 zur Kapitulation vor den amerikanischen Truppen und zum Aufstand gegen NS-Einheiten aufrief. Und dann fährt uns der Bus weg vom Trubel in Schwabing - direkt in ein grünes Idyll im Olympiapark, das Ude als den liebenswertesten und reizvollsten Ort München empfindet.

Und Spezl Ude hat wahrlich nicht übertrieben: Nur ein paar Minuten später sitzen wir in absoluter Ruhe unter Bäumen mitten im Garten der Kirche von Väterchen Timofej, dem „letzten offiziellen Schwarzbau Münchens“. Wenn man in München lebt, muss man laut Ude die abenteuerliche Geschichte des russischen Paares kennen, die hier in den 1950er Jahren eine Kapelle aus Bauschutt errichteten. Schon als Kind fuhr Ude mit dem Tretroller zu diesem grünen Fleck, der in der Mitte einer rotem Steinwüste entstand. Und auch war er dabei, als die Weltöffentlichkeit zuschaute, wie konservative, strenggläubige Katholiken mit rebellischen Studenten zusammen dafür kämpften, dass die kleine Kirche für die Olympischen Spiele nicht abgerissen wurde. Dank des Protestes wurde der Schwarzbau erhalten und das Olympiagelände nördlicher gebaut, als ursprünglich geplant.

Nicht ohne Bewunderung und mit viel Sympathie für Väterchen Timofey erzählt Ude, wie dieser einfach jahrzehntelang gemacht hat, was er wollte, und das, obwohl er längst im Fokus aller Behörden war. Ude amüsiert seine Zuhörer und auch sich selbst mit den Schilderungen, wie Timofey weiter vor den Augen seiner wachsenden Fangemeinde, die Gesetze immer wieder galant umschiffte und die Behörden verhöhnte. Worüber sich nun keiner mehr wundert: Bis Väterchen Timofey 2004 im Alter von 110 Jahren starb, verband Ude und ihn eine enge Beziehung. Ude besuchte ihn bis zuletzt zu jedem Geburtstag. Die Besichtigung des idyllischen Areals samt Kapelle und kleinem Museum fühlt sich dann weniger wie eine Stadtführung als ein erholsamer Tag in den Bergen an.

Der Wandertag endet gemütlich bei Essen und (wie könnte es anders sein?!) dem ein oder anderen Hacker-Pschorr im zünftigen Gasthaus Weinbauer mitten in Schwabing. Ude hat sein Ziel ganz offensichtlich erreicht: Alle gehen schlauer aus dem Tag raus als sie reingekommen sind. Aber ganz bestimmt auch entspannter und mit einem Lächeln auf dem Gesicht – denn, wenn man München aus Udes Perspektive erlebt, dann hat man wirklich das Gefühl, dass München eine Weltstadt mit Herz ist. Mit ganz viel Herz.

Seid bei der letzten Spezltour 2018 dabei!

Die "Spezltour-Season" ist fast vorbei - und ihr könnt bei der letzen Runde am Start sein! Spezl-was?! Als Brauerei mit lokalen Wurzeln, veranstaltet Hacker-Pschorr von Juni bis September eine Stadtviertel-Tour-Serie, "Spezltour" genannt. Darin soll euch unsere schöne Stadt von Originalen aus dem jeweiligen Viertel nährgebracht werden. Wie ihr teilnehmen könnt und welcher VIP mit euch spazieren geht? Das erfahrt ihr ganz bald auf unserer HP und dem Geheimtipp München Facebook-Kanal. Also: stay tuned!

Henrike Hegner

Lebe Dein Ändern! Henrike hat es irgendwann aufgegeben, „nie“ zu sagen. Immer dann, wenn etwas unbekannt, irritierend oder anders ist, ist das Nordlicht mit vollem Herzen dabei – oft zu ihrer eigenen Überraschung. Feinste Künste und letzter Trash können sie gleichermaßen begeistern. Nervös wird sie nur, wenn die Flasche Cola nicht in Griffweite ist.