Mein erstes Mal Biergarten

Mein erstes Mal BiergartenEine teilnehmende Beobachtung eines Neu-Müncheners

Man sollte annehmen, die bayerische Biergartenkultur hätte sich schon auf der gesamten Welt etabliert. Jeder, der als Deutscher im Ausland mal angesprochen wurde, weiß, wie oft man für das spektakuläre Oktoberfest und für die gesellige Biergartenkultur, den “Beergarden“, gelobt wird - egal aus welchem Teil Deutschlands man kommt. Pauschal könnte man deshalb davon ausgehen, dass wirklich jeder Deutsche mal in seinem Leben einen Biergarten besucht hat. Es gibt da aber ‘ne Ausnahme, nämlich mich. SHAME ON ME, I know! Also habe ich, als vor ein paar Wochen zugezogener Neumünchner, mein Schamgefühl neulich einfach mal bei den Hörnern gepackt. Und bin direkt zur Wiedereröffnung, in dieser Hinsicht komplett jungfräulich, das erste Mal in meinem Leben in einen richtig traditionell bayerischen Biergarten gegangen: dem Aumeister im Englischen Garten.

Beim Aumeister besonders schön: nie zu voll und trotzdem gesellig. © Geheimtipp München

Biergarten ist wie Bildung: Ländersache, okay?!

Eines sei gesagt, während sich jetzt schon alle Biergartenerfahrenen die Hände an den Kopf schlagen, mit den Zähnen knirschen und sich denken, was wohl da in meinem Leben schief gelaufen sein könnte. Zu meiner Verteidigung möchte ich nämlich noch folgendes klarstellen: Dort, wo ich herkomme, liegt die Dichte an Biergärten bei ca. 0,5 verteilt auf 100.000 Einwohner. Somit sah die persönliche Interpretation eines Biergartens in meiner Vergangenheit eher so aus: Freunde treffen, zum Späti oder Supermarkt laufen, Bier kaufen, sich irgendwo gemeinsam auf die Straße setzen, fertig. Seitdem ich in München lebe, weiß ich, dass dieser Mindset hier eher nicht so common ist. Also nutzte ich die Gunst der Stunde und machte meine erste Biergartenerfahrung – alleine! Ich hörte nämlich im Biergarten findet man schnell Freunde…

Zum Einstimmen für Biergartenanfänger

Eine Maß vor vier, jetzt erst recht!

Es ist warm, die Sonne scheint und die Leute streifen wie bei einer kollektiven Völkerwanderung in eine Richtung. Alle haben ein Ziel – den Biergarten Aumeister. Ich schließe mich der Schlange an Menschen an und beobachte, wie alle sich selbstverständlich die Maske aufsetzen und nach Eintritt zielsicher irgendeinen Tisch aufsuchen. Ich wünschte, ich wäre auch so selbstbewusst, stattdessen fühle ich mich etwas überfordert. Am Eingang frage ich die Bedienung im Dirndl vorsichtig, ob ich irgendwas Bestimmtes beachten müsste. Lässig antwortet sie mir, dass ich mir einfach einen Platz aussuchen soll. Alles klar, typisch bayrisch und direkt, denke ich mir. Und peile einen Tisch in der Sonne an. Neben mir sitzt ein älteres Ehepaar, das noch am Rest ihrer Maß nippt. Das "Noagerl", wie ich später lerne. Ich schau mich um und bin baff: alle hier halten eine Maß in der Hand. An einem Mittag, Anfang der Woche. Aber das scheint in der Welt der Biergärten irgendwie egal zu sein. Ich kann mir ein fröhliches Grinsen nicht verkneifen. Etwa wie ein kleines Kind, das zufällig Mamas Süßigkeitenversteck entdeckt hat. Aber noch habe ich kein Bier…

Eine Odyssee für's Biergarten-Greenhorn: Einfach irgendwo dazusetzen? © Geheimtipp München

Biergarten for Dummies

Ich versuche das System Biergarten zu verstehen - wird man bedient oder muss ich mich eigenständig aufmachen? Mein Magen knurrt und mein Bierdurst wird immer größer. Vergeblich suche ich den Rat bei dem wohl biergartenerfahrenen, alten Ehepaar neben mir und setze auf meinen Welpenschutz. Verständnisvoll erklären sie mir, dass man sich hier selbstbedient. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und mache mich auf den Weg Richtung Essens- und Getränkeausgabe. Die nächste Hürde. Gefühlt stundenlang studiere ich wie ein Hans Guck-in-die-Luft die Speisetafel. Nach einer innerlich umkämpften Pro- und Kontraliste entscheide ich mich für Leberkäs. Den kenn ich, der geht immer und ist classy. Und sogar ich als München-Greenhorn weiß, dass man damit nichts falsch machen kann.

Solide Speisewahl: Paul meets Leberkas. © Geheimtipp München

"Ein halbes Dunkles, bitte?!"

Mit einem halben Kilo Leberkäs auf meinem Teller führe ich meine Pilgerreise gen Getränkeausgabe fort. Auch hier fällt mir die Auswahl besonders schwer, denn ein normales Pils trinkt halt keiner. Ich überlege, wie ich meine Bestellung geschickt so formuliere, damit ich alle Peinlichkeitsfaktoren so minimiere und nicht gleich als Biergartenbeginner auffliege. Zu dem Mann hinter dem Zapfhahn sage ich meinen auswendig gelernten Satz: „Ein halbes Dunkles, bitte!“. Er blickt zwar kurz zu mir auf und wiederholt meine Worte – völlig neutral oder mit einer gewissen Abschätzung? Ich kann’s nicht deuten. Wichtig ist: Er füllt dann aber das halbe Literglas mit dem flüssigen - um ehrlich zu sein - sehr dunklen Gold. Ich bin erleichtert, dass mein Erstversuch für eine geglückte Verständigung beider Seiten reicht und keine weiteren Fragen gestellt werden. Aber wahrscheinlich sind die hier einfach einiges gewohnt von all den unwissenden Gästen, die aus fernen Ländern in ihren Biergarten pilgern und total diletantisch ihre Bestelung aufgeben. So wie ich. Aber was soll’s, ich hab Bier und Essen! Und so mache mich auf den Weg zurück zu meinem sonnigen Sitzplatz.

Neuling Paul lernt schnell: Anstoßen muss sein! Auch mit Fremden... © Geheimtipp München

"Oans, zwoa, drei - gsuffa"

Dort angekommen, muss ich das gerade Erlebte erstmal auf mich wirken lassen. Die Anspannung fällt von meinen Schultern. Das Schwierigste ist jetzt immerhin hinter mir, mutmaße ich. Und merke: Das Ehepaar neben mir hat wohl in meiner Abwesenheit einen deutlichen Zug draufgesetzt. Die mir riesig anmutenden Krüge sind leer. „An Guadn!“ prosten mir beide trotzdem zu. Eifrig quetsche ich den süßen Senf auf den braungebrannten Leberkäs und nehme einen großen Schluck von meinem Bier. Biergartenkultur, was für ein Traum!

10 Weißbier waren's bei Paul nicht ganz

"Sie" sagt hier keiner!

Während ich meinen Leberkäse genussvoll in mich reinschiebe, blicke ich um mich und schaue den erfahrenen Biergartenkollegen zu. Ich beobachte wie zwei Tische zeitgleich die Bierkrüge heben und sich gegenseitig zuprosten. Ich muss schmunzeln. Das ist es also, dieses gemeinsame Biergartenfeeling, die gesellige Atmosphäre, von der alle reden und ich bemerke wie ich es liebgewinne. Hier sind alle per Du und wie im Garten Eden ist jeder gleich – alle kommen zusammen, die toughe Business Lady sitzt neben dem Typ im Blaumann, daneben eine Familie mit Kids. Zwanglos, ausgeglichen und einfach schön entspannt.

Richtungsweisend: Der erste besuch im Biergarten ist nie der letzte. © Geheimtipp München

Ab jetzt für immer “Biergarten-Addicted“

Als sich das Ehepaar langsam neben mir erhebt, bedanke mich für die Unterstützung und wir verabschieden uns mit einem einvernehmlichen „Servus“ – das hab ich nach meinen ersten paar Wochen in München nämlich schon gelernt. Neue Tischgesellen lassen nicht lang auf sich warten - drei junge Frauen fragen, ob sie sich zu mir in die Sonne setzen können. Mensch, Ladies warum nicht?! Ich bin halt im Biergarten-Run. Wir kommen schnell ins Gespräch und ich verkünde Ihnen von meiner ersten Biergartenerfahrung, bei der sie live dabei sein dürfen. Lustigerweise finden es die Drei gar nicht so abwegig, dass ich bisher noch keine Biergartenerfahrung gesammelt habe. Mir fällt noch ein Stein vom Herzen – läuft bei mir! Und nachdem ich den Biergarten in all seinen Facetten ausgekostet habe, macht für mich auch endlich Harald Juhnkes Motto einen Sinn: "Meine Definition von Glück: Keine Termine und leicht einen sitzen." Und so schiebe ich ganz beseelt mein Rennrad nach Hause und fühle mich auf einmal richtig angekommen in dieser mir neuen Stadt. München, du könntest sie sein – meine nächste große Liebe!

Bilder von Geheimtipp München.

Dieser Beitrag ist auf redaktioneller Ebene entstanden. 

Paul Harhausen

Temporärer „Zuagroaßter“ - so würden wohl waschechte Münchener Paul bezeichnen. Auf der To-Do-Liste des eigentlichen Wahl-Weimarers und geborenen „Jong“ von der Waterkant stand schon immer, irgendwann mal in der südlichsten Großstadt Deutschlands zu leben. Die grandiose Lebensqualität, das beständige Wetter, aber auch die Sehnsucht zu den Bergen, das alles hat Paul nach München gelockt. Mit jedem Tritt in die Pedale seines Rennrads und den Blick auf die Isar gerichtet, spürt er nämlich genau das: Lebensqualität. Darauf ein Prosit!