MAOZ | Vinyl & Kaffee

MAOZ | Vinyl & KaffeeAuf einen Kaffee im Vintage Paradies

Alle Freunde eines gepflegten Kaffees in außergewöhnlicher Atmosphäre sollten sich ab sofort den Namen "Maoz" hinter die Ohren schreiben. Diese Aufforderung gilt allerdings auch für alle Freunde der gepflegten Vinyl-Stöber-Sessions in außergewöhnlicher Atmosphäre. Wie man es auch dreht, es scheint auf Maoz hinaus zu laufen. Wir haben uns mal mit ihm getroffen - in seinem Retroplatten- und Heißgetränkeparadies.

Auf der Suche nach neuen Cafés, die eher unbekannt sind, kam uns das kleine Lokal in der Hiltenspergerstraße grade recht. Schon die ersten Eindrücke, die man bei der Online-Recherche gewinnen kann, machen mehr als neugierig. Jeder gute Gastronom versucht eine eigene Atmosphäre in seinem Lokal zu erzeugen und am besten erzählt diese auch noch eine ganz eigene Geschichte. Was Maoz hier aber geschaffen hat, ist wirklich einzigartig. Jeder Kaffee wird hier zu einer Reise in die Welt der Musik.

Musik zu hören ist seit Spotify und Co. für viele Leute zum Grundrauschen geworden. Absolut überall erhältlich und stets abrufbar. Nicht-Kenner der Musikszene fragen sich da wie es ein Plattenladen bitte schaffen soll zu überleben. Dabei ist es für die Meisten kein Geheimnis, dass Vinyl bereits seit Anfang 2000 seine Renaissance feiert. Wer als nicht Vinyl-Addict verstehen möchte, woran das liegt, wird das bei einem einstündigen Café-Aufentalt bei Maoz auf jeden Fall tun. Doch Vorsicht, es besteht erhöhte Ansteckungsgefahr!

Natürlich hat die Ubiquität von Musik seine Vorteile und man gewöhnt sich schnell daran. Doch wie jedes Grundrauschen kann auch dieses - ähnlich eines Tinitus - zum Fluch werden. Man schätzt die Musik weniger, verleiht ihr einen geringeren Wert. Nur das schwer Erreichbare und Seltene, das was man sich mühevoll erarbeiten muss, ist wertvoll. Genauso verhält es sich auch mit einer Plattensammlung. Und mit dem dazugehörigen Musikgeschmack.

"Wie hast du deine Plattensammlung sortiert? Chronologisch? Alphabetisch? - Nein, autobiographisch!"

Filmzitat "High Fidelity"

Diese Liebe zur musikalischen Kontemplation sieht man Maoz schon auf den ersten Blick an, er hat sie tief in sich verwurzelt. Maoz ist gebürtiger Tel-Aviver und zog vor fünf Jahren mit seiner Frau, die einem Jobangebot hierher folgte, nach Deutschland. Seine Heimat wird auch gerne als das Israelische Berlin bezeichnet. Laut, bunt, tolerant, partyverrückt und das Startup-Mekka der Israelis. Kein Wunder also, dass Maoz letztes Leben als Ingenieur in der Silicon-Branche war. Aber wie so vielen Menschen, die den ganzen Tag Nullen und Einsen verschieben, fehlt dem einen oder anderen irgendwann der Bezug zu greifbaren Dingen. Wenn diese Dinge dann auch noch alle eine eigene Seele besitzen und eine Geschichte auf zwei Seiten abspielen können, umso besser.

Ein Neuanfang auf einem neuen Kontinent schrie Maoz ins Gesicht sich auch beruflich zu verändern. Die Sehnsucht nach einem eigenen Projekt mit mehr Passion und Freiheit fand so seine Umsetzung in dem kleinen Laden in der Hiltenspergerstraße. Die erlesene Auswahl aus Möbeln, Gimmicks der 70er Jahre und einer stilechten Tapete steht dort wie ein lebendiges Museum der Wohnkultur. Beim Betreten des Ladens schaltet der Organismus sofort einen Gang runter und lädt ein, alle liebevollen Details zu erforschen.

In einem solchen Umfeld muss man einfach stöbern und alte wie neue Alben (neu)entdecken. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer eines Plattenkäufers, sagt Maoz, liegt bei über 30 Minuten. Wenn er aber auch noch Kaffee so sehr mag wie Musik, um ein Vielfaches länger. Maoz gehört dabei vielmehr zur Atmosphäre des Ladens, als das er einfach nur der Besitzer hinter'm Tresen wäre. Bei Stammkunden führt das dazu, dass sie den EC Kartenleser einfach gleich selbst Bedienen, wenn Maoz grade einen anderen Kunden berät. Da wundert es auch nicht, dass 30 Prozent der Stammkundschaft erst durch Maoz mit dem Plattensammeln angefangen haben. Sagt also bitte nicht, wir hätten euch nicht gewarnt!

Oliver Rothstein

Olli ist eine gebürtig rheinische Frohnatur, wurde aber um ein Haar in München geboren. Keiner ist perfekt. Die Stadt erkundet er ausschließlich zu Rad, so entgeht ihm kein versteckter Winkel. Er liebt die Seen, die Berge aber vor allem den Stadtdschungel.