La Strada

La StradaBallett für Fortgeschrittene

Ein Dienstagabend im Gärtnerplatztheater: die Hütte ist voll. Anders als vermutlich 95 Prozent des übrigen Publikums haben wir den oskarprämierten Fellini-Film „La Strada – das Lied der Straße“ aus den 50er Jahren nicht gesehen und nehmen daher völlig unvoreingenommen Platz auf den samtigen Opernsesseln.

Wobei! So ein kleines bisschen voreingenommen sind wir offensichtlich doch. Denn in gewohnter Gärtnerplatz-Manier erwarten wir eine prachtvolle Inszenierung mit farbenfrohen Kostümen und eine zumindest halbwegs klassische Choreografie. Aber nein. Wer den Choreographen des Stücks Marco Goecke kennt, weiß, dass dieser  bekannt ist für seine eher düsteren Inszenierungen. Und wer den Original-Film kennt, weiß, dass dessen Handlung ebenfalls nicht direkt in Feierlaune versetzt.

Man verpasst die Liebe in vielen Momenten im Leben.

Marco Goecke, Choreograph

Gelsomina reist mit dem grobschlächtigen Zirkusartisten Zampano als dessen Assistentin/Sklavin durch die Lande. Sie wird von ihm schlecht behandelt und muss mit ansehen wie er, verroht und abgestumpft, versucht sich bei Huren Liebe zu erkaufen. Als sie den Seiltänzer Matto kennenlernt und der ihr etwas mehr Aufmerksamkeit zukommen lässt, eskaliert die Situation.

All dies wird auf der dunklen, kargen Bühne in 75 Minuten von großartigen Balletttänzern – allen voran dem hyper-maskulinen Zampano und der zerbrechlichen, aber kecken, kleinen Gelsomina – vertanzt. Mangels Requisiten oder Anlehnungen erschließt sich die Handlung allerdings nur sehr schwer, beinahe ausschließlich über Emotionen.

Von diesen durchlebt man in der Tat aber so einige. Von anfänglicher  Beklemmung über herzhafte Lacher bis hin zu Trauer oder doch Erlösung? Es ist faszinierend wie das facettenreiche Gefühlsspektrum der menschlichen Seele allein durch Tanz, Gestik und Mimik von der Bühne ins Publikum schwappt.

Einen nicht unerheblichen Beitrag dazu leistet die kraftvolle, emotionsgeladene Original-Filmmusik – geradezu völlig losgelöst jedoch von der zuweilen irritierend schroffen Rhythmik der Tänzer.

Diese sehr moderne, ziemlich ungewöhnliche tänzerische Adaption des Filmklassikers (übrigens deren erste) ist sicherlich nichts für Anfänger. Wenn man das Stück aber tatsächlich unvoreingenommen auf sich wirken lässt, erlebt man grandioses, ausdrucksstarkes, teilweise sogar – ja, so etwas gibt's auch – zum Schreien komisches Ballett.

Pics by Staatstheater am Gärtnerplatzt. 

Verena Schindler

Gut ist, was neu ist! Verenas Augen und Ohren sind permanent im Aufnahmemodus. Als Designerin freut sie sich über alles, was das als spießig verurteilte München auf der Skala der hippen Städte etwas steigen lässt. Zum Reizflut-Ausgleich: einen Cappuccino in der Sonne – very Munich... Die Welt sehen?! Unbedingt! Woanders leben? Auch cool. ABER: keine Berge sind keine Option.