Kultplace #13: Schwarzer Hahn

Kultplace #13: Schwarzer HahnEin Prosit auf den Kneipenkult

Unsere fröhliche Bande der Münchner "Kultplaces" ist mittlerweile auf eine stolze Großfamiliengröße angewachsen. Es wird also Zeit, sich dem Nesthäkchen zu widmen, dem jüngsten Mitglied der Sippe. Wie konnte diese Perle der Nachtkultur es in vergleichsweise so wenigen Jahren in eine solch ehrwürdige Runde schaffen? Diese und weitere Fragen soll diese Ode an den Schwarzen Hahn in der Au klären - ein Denkmal an das kühle Helle in kultivierter Kneipenatmosphäre, angereichert mit einem Hauch Anarchie. So wie wir das halt mögen...

Wenn es links ist, gegen Nazis zu sein, dann bin ich wohl links. Sonst ist hier jeder willkommen.

Carsten, Wirt vom Schwarzen Hahn

Der Kneipen-Diplomat

Alter kann ein Zeichen von Qualität sein. Muss aber nicht. Das beweisen immer wieder auf’s Neue herausragende Persönlichkeiten. Zu eben einer solchen Persönlichkeit hat der Schwarze Hahn auch gleich mehrere Parallelen aufzuweisen, welche ihn prächtig charakterisieren: Gregor Gysi.  Einstmals, mit zarten 23 Jahren, war er der jüngste Anwalt der DDR und wohl auch in so manch anderer Runde der Jüngste. Ganz ähnlich lässt sich auch die "Gesinnung" des Schwarzen Hahns mit seinen zarten 13 Jahren beschreiben: Offenkundig Links, aber eben mit einer galant-diplomatischen Zurückhaltung, sodass sogar ein Burberry-Jacken-BWLer schon beim ersten Besuch im Stande ist, für den Hahn Sympathie zu empfinden. Hier darf halt jeder sein, wie uns wer er ist, ganz ohne dafür angeschielt zu werden. Hier existieren 70-jährige Grantler neben 25-jährigen Ska-Konzertgänger genauso wie Isar-Hippster neben Rote-Flora-Fans beim Feierabendbier.

Hahn-Galerie © Geheimtipp München

Hähne ohne Ende © Geheimtipp München

Pilgerstätte © Geheimtipp München

Verdammt ich lieb dich! © Geheimtipp München

Music was their first love

Der aber wohl entscheidendste Grund für die kunterbunte Toleranz im sonst eher dunkel gehaltenen Ambiente, ist wie so oft das verbindendste Element: die Musik. Bei seiner Eröffnung im Jahre 2006 noch als Metallkneipe erdacht, sind heute wesentlich vielseitigere Klänge aus der Ohmüllertraße 8 zu vernehmen. Auch wenn der Grundtenor immer noch auf gitarrenliebenden Musikrichtungen zu verdichten ist, sind die Jahre gezählt in denen nur langhaarige Kuttenfreunde ihr Glück am Tresen des Schwarzen Hahns fanden. Punk, Ska, Psychobilly und diverse Cross-Over-Experimente koexistieren heute in freundlicher WG-Manier mit den Metal-Urgesteinen. Eigentlich auch kein Wunder. Denn wer einmal in Wacken war weiß, dass Metaller wohl die heimlichen Weltmeister in Sachen Toleranz sind.

Life is life

Wenn man sich mit den heutigen Betreibern des Schwarzen Hahns zur Kneipenidentität unterhält, schlägt einem vor allem zurückhaltende Bescheidenheit entgegen. Bei Carsten und Natascha steht vor allem die Liebe zur Musik im Vordergrund. Entsprechend haben sie es sich mit ihrer Kneipe zur Aufgabe gemacht, möglichst vielen Bands eine familiäre Plattform für ihre Musik bieten zu können. Eine gewisse Liebe für eine erlesene Bierauswahl ist sicherlich auch nicht von der Hand zu weisen. Von Brauereien gänzlich unabhängig zu sein, bring eben auch Vorteile mit sich. Hier gibt’s nichts vom Fass - zu groß wäre der Aufwand, die Zapftradition mit einer Mindestauswahl von 15 Biersorten unter einen Hut zu bringen. Und wer wirklich frei ist, kann sicher noch besser Toleranz üben.

Hahnenkampf © Geheimtipp München

Bilder von Anna Pauels für Geheimtipp München.

Dieser Beitrag ist auf redaktioneller Ebene entstanden.

Oliver Rothstein

Olli ist eine gebürtig rheinische Frohnatur, wurde aber um ein Haar in München geboren. Keiner ist perfekt. Die Stadt erkundet er ausschließlich zu Rad, so entgeht ihm kein versteckter Winkel. Er liebt die Seen, die Berge aber vor allem den Stadtdschungel.