Kuchentratsch

KuchentratschBackwerkstatt der rüstigen Rentner

Der Kuchen von der Oma ist der beste... da müssen wir uns alle nichts vormachen. Klar kann man in Städten wie München in vielen Patisserien die hübschesten Törtchen in Hochglanz Instastyle kaufen. Aber mit einem guten Stück schlörzigem Schokokuchen - handgemacht und mit Nostalgie abgeschmeckt - kann das einfach nicht mithalten. Das dachte sich auch die Münchnerin Katharina Mayer und gründete 2014 das soziale Startup Kuchentratsch. Und brachten dabei ihre Studienschwerpunkte gekonnt zusammen: BWL mit Fokus auf soziales Management. Heute arbeiten knapp zehn Angestellte für Kuchentratsch. Und 35 Senioren und Seniorinnen backen an drei Tagen in der Woche in der Backstube in Landberger Straße 59 verschiedenen Kuchensorten. Wir durften ihnen einen Vormittag lang über die Schulter schauen.

Schon im Hinterhof lockt uns der süße Geruch zum Ort des Geschehens. In der Backstube reges Treiben. Fünf Rentnerinnen und ein Rentner wuseln eifrig um die Theken und Öfen. Empfangen werden wir von Theresa, sie kümmert sich bei Kuchentratsch um Kommunikation und Marketing. Mittlerweile verschickt das Startup seine Kuchen deutschlandweit. In München werden sie aber noch frei Haus geliefert. Von den "Liefer-Opis", wie sie bei Kuchentratsch liebevoll genannt werden, verrät uns Theresa. "Und dann gibt's da natürlich die Backomis... und auch ein paar Opis." 

Opa Norbert zum Beispiel. Er ist seit März 2015 dabei. Damals hatte er einen Artikel in der Tageszeitung gelesen. "Da stand, es werden Rentner gesucht, die gerne backen und neue Kontakte knüpfen wollen. Also hab ich mich gemeldet." Kochen, backen, das sei seit jeher seine Leidenschaft. Auf Familienfesten verwöhnt er immer gerne alle mit seinen Kreationen. "Und außerdem esse ich selber gerne", lacht Norbert. Sieht man aber gar nicht, finden wir. "Gibt ja genug Möglichkeiten, das direkt wieder abzutrainieren." Stimmt. Zum Beispiel in der Backstube mit den Kolleginnen. Zwei Vormittage in der Woche rückt Norbert rund fünf Stunden an. Zusammen mit etwa fünf Kolleginnen - alle zwischen 60 und 80 Jahren alt - steht er dann am Rührgerät, wiegt leckere Zutaten ab und mischt sie zu einem noch leckereren Teig, der zu einem richtig guten Kuchen wird... Wir müssen's wissen, denn wir haben natürlich auch probiert! Wenn man schon einmal da ist...

Heute stehen für Backopi Norbert etwa fünf Kuchen auf seiner To-Do-Liste. "Das kann entweder fünf Mal der gleiche sein oder ganz verschiednen Sorten", erklärt er uns. Norbert macht heute den Kuchen für einen runden Geburtstag, 50 Jahre. "Bei der Verzierung hilft mir aber die Regina. Da bin ich nicht fingerfertig genug." Für Regina ist das kein Problem, sie ist Backoma der ersten Stunde und hat in ihrer Karriere bei Kuchentratsch schon unzählige Leckerbissen aus Milch, Mehl und Co. kredenzt.

Gebacken wird hier mit Links, mit Rechts getratscht."

Norbert, Backopi bei Kuchentratsch

Heute in ihrer Hauptverantwortung: der Rote Bete Schokokuchen. "Der ist gerade sehr beliebt und wird oft bestellt", erzählt die Rentnerin. 25 verschiedne Kuchensorten hat die Truppe im Repertoire, fünf davon variieren je nach Saison. "Da überlegen wir auch gemeinsam, was zur neuen Saison passt, vergleichen Rezepte und dann backt man was zusammen zur Probe. Und wenn es von den Leuten gut angenommen wird, bleibt es im Programm. Zur neuen Saison ändern wir die Rezepte dann wieder", erklärt Oma Regina. So findet auch der Stammkunde im Kuchentratsch Repertoire immer abwechslungsreiche Leckereien.

Bis zu 170 Kuchen schafft die Rentner Crew pro Woche, an den drei Backtagen. Ob Regina, Norbert und Co. dann überhaupt noch Lust haben privat zu backen, wollen wir wissen. Klar doch, meint Regina, "aber da geht's mir dann eher um die Technik. Da probiere ich dann auch schon einmal ganz andere Sachen aus, back zum Beispiel mal ein Baguetten oder so." Wer mal ein Stündchen mit den Backprofis von Kuchentratsch in der Backstube steht, merkt schnell: hier ist nicht nur echte Leidenschaft am Werk, sondern die Mädels und Jungs haben auch richtig Spaß. Es wird gequatscht und viel gelacht. Obwohl sie in Hochzeiten mittlerweile wirklich ein straffes Programm haben, kommt natürlich auch der zweite Bereich nicht zu kurz. wie der Name schon sagt: Kuchentratsch. "Gebacken wird hier mit Links, mit rechts getratscht", fasst es Opa Norbert zusammen. "Ich fühle mich hier einfach wohl. Es ist schön, mit den Damen zu plaudern und auch die Arbeit mit den jungen Menschen im Team gefällt mir sehr."

Lange war Norbert der einzige Opa im Team. Dann kam Richard dazu. Backen ist zwar nicht so seins. Dafür liefert Richard mit seinen 87 Jahren die Kuchen innerhalb von München aus. Da es sonst nur noch Backopa Günter im Team gibt, ist Norbert in der Backstube meist der Hahn im Korb. Und das scheint ihm sichtlich zu gefallen. "Am Anfang musste ich mich aber erst beweisen, beim Probebacken." Er setze gleich mal auf Provokation und kredenzte den Omas und dem Gründerteam einen "Faule Weiber Kuchen". "Käsekuchen mit Mandarinen - der heißt wohl so, weil er so einfach zu machen ist. Schmeckt aber trotzdem gut!" Das fanden wohl auch die Damen und so durfte Norbert von da an die Backstuben Truppe um seine männlichen Kuchenkünste bereichern.

Wer das geschäftige Treiben bei Kuchentratsch erlebt, der kann nicht umhin zu bemerken, wie wohl sich alle bei der Arbeit fühlen. Immerhin läuft es für alle Beteiligten auf eine Win-Win Situation hinaus - das junge Team um Gründerin Katharina hat gerechtfertigten Erfolg - die Geschäftsidee ist schließlich mehr als gut. Und die rüstigen Rentner und Rentnerinnen gehen ihrem Hobby nach, haben Kontakt zu immer neuen, netten Menschen und verdienen sich dabei noch ein paar Euro zur Rente hinzu. Und wir Kunden? Wir bekommen ziemlich leckeren Kuchen auf die heimischen Teller - selbst, wenn unsere eigenen Omis ganz weit weg wohnen... Aber bitte mit Sahne versteht sich!

Und was bringt die Kuchen-Zukunft?

Seit neuestem könnt ihr bei Kuchentratsch auch ganz kleine Kuchen bestellen und an Mutti, Vatti oder einen lieben Freund verschicken - statt Blumengruß sozusagen. Wessen Oma oder Opa in München lebt und zufällig gut backen kann, sollte ihn oder sie umbedingt auf Kuchentratsch aufmerksam machen! Das soziale Startup sucht nämlich hängeringend nach Zuwachs für die Backtube. Den Weg dahin findet man online über den pinken Button "mitbacken".

Julia Katharina Tomski

Ursprünglich aus dem bodenständigen Nordrhein-Westfalen folgte Julia dem Ruf der Medienstadt München und fand als Feingeist mit Hang zu schönen Dingen, gutem Geschmack und herzerwärmenden Menschen hier ihr Glück und einen Quell an Inspiration. Trotzdem: Im Alltag trägt Julia statt weißem Blüschen und Perlenohrringen lieber zerrissene Jeans und das Herz auf der Zunge. Denn: U can take the girl out of the Pott but U can never take the Pott out of the girl.