Großstadtflucht oder Kleinstadtpanik

Großstadtflucht oder KleinstadtpanikDie Geheimtipp Kollektiv Kolumne #3

Rausziehen oder in der großen City wohnen bleiben - dank hoher Mietpreise und beschränktem Wohnraum beschäftigt viele Münchner genau diese Frage brennend. Ich selber hab vor einem guten Jahr genau in dieser gedanklichen Zwickmühle gesteckt. Heute steck‘ ich dagegen oft mit den Peeptoes im Feldweg fest - denn ich bin tatsächlich rausgezogen. Und finde es geil. Meistens zumindest…

Erwachsen werden heißt wachsen

Vermutlich fragt sich jeder, der sich in München räumlich vergrößern will irgendwann: Hell yeah, was nun? Sei es, weil ein Arbeitszimmer oder Kinderzimmer fehlt oder man einfach irgendwann tatsächlich mal von der Studenten- auf Erwachsenenwohnungsgröße ziehen möchte. Die Not ist groß, das Angebot klein. Bei uns war allerdings klar: Wir brauchten mehr PLATZ! Nachdem wir kurz und schmerzlos das Wohnungsangebot innerhalb der alten Altstadt-Hood gescreent hatten, wurde uns schlagartig bewusst, dass wir für die aktuelle Miete heute nur noch die Hälfte an Quadratmetern bekommen würden. Für jemanden der sich vergrößern möchte ein Witz also. Man lacht, oder weint. Uns kamen eher die Tränen. Der Gedanke daran, die Innenstadt zu verlassen, endete in panikartigen Abwehr-Schüben. In die weit entfernte Suburbia zu ziehen, unbekanntes Terrain, womöglich Stunden bis in die Zivilisation zu brauchen?! Horrorszenarien spielten sich vor meinem inneren Auge ab. Völlig überzogen – weiß ich selber. Ist aber so.

Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn (aka Wohnungssuche in der Stadt)

Vom innersten in den (fast) äußersten Ring

Da mein Freund in Freising arbeitet, war dann irgendwie plötzlich Freising auf der Liste. Wenigstens einer kann zu Fuß zur Arbeit und der Flughafen ist ja auch ganz nah… und man kann sich ja auch dort ein Häuschen leisten und es ist ja auch nur 30 Minuten mit der Bahn in die Stadt. Perfekt also aka Postrationalisierung deluxe. Nach mehreren Phasen des Auf und Abs, inneren Beschwichtigungen, ehrlicher Überzeugung und tatsächlichem Abwägens war irgendwann klar: München ade, Freising wir kommen! Auf ins Outback! (*Anmerkung der Redaktion: Freising ist eine Kreisstadt, hat ca. 50.000 Einwohner und liegt etwa 35 km von München entfernt.)

Massenauflauf - offensichtlich auch auf dem Land möglich.

Gejammere über das was man hat und nicht hat - Part I

Gesagt, getan und umgezogen. Die Freude über viel Platz, ein echtes, eigenes kleines Haus, einen Garten und genug Zimmer für alle und jeden, überwiegt nach wie vor. Endlich Platz! Und Luft! Und trotzdem weiß ich manchmal nicht genau was ich bei den Fragen „Und? Wie ist es so? Habt ihr euch eingelebt?“, antworten soll. Naja, rein objektiv würde ich sagen: „Ja, haben wir!“ Emotional ist es nach wie vor eher eine Serpentinentour. So schön die Nachbarschaftshilfe ist, so angenehm war dann auch doch zwischenzeitlich die totale Anonymität im Großstadtdasein.

Wer wird denn da so panisch gucken?! Land ist schließlich nicht nur was für Landeier!

Gejammere über das was man hat und nicht hat - Part II

Während wir in München fast jeden Abend unsere Runden durch das Viertel und den englischen Garten drehten, oft zwischen Lieblingskoreaner,-italiener und -vietnamese nicht entscheiden konnten, stellt man sich jetzt eher die Frage, welche Uhrzeit wir haben. Warum? Weil man schauen muss, ob überhaupt irgendetwas geöffnet hat. Denn im Outback gibt’s tatsächlich noch gastronomische Schließzeiten und somit Mittags-, und Nachmittagspausen. Dafür fahren wir jetzt abends ruhig und ohne tausend andere Rowdies unsere Runden auf dem Fahrrad an der Isar. Und zwar nebeneinander! Und danach fahren wir nach Hause und setzen uns glücklich und zufrieden auf unsere wunderbar begrünte Terrasse in unserem kleinen Reihenhausgarten und köpfen eine Flasche Wein.

Die Geheimtipp München Kollektiv Kolumne

EURE THEMEN SIND GEFRAGT!

Ungleich einer "normalen" Kolumne, darf bei uns jeder mal ran! Wann immer ein Geheimtipp München Autor ein Thema auf dem Herzen hat, lässt er uns und euch mit seiner persönlichen Kolumne daran teilhaben. Habt auch ihr "München Pain Points", die ihr einfach mal loswerden wollt? Dann schickt uns eure Themen und wir machen uns Gedanken darüber! 

Outbackleben: Nice! Auch schön: immer mal wieder flüchten.

Wir haben jetzt auf jeden Fall ganz viel von dem, was wir uns gewünscht haben. Und trotzdem flüchte ich regelmäßig zurück nach München. Denn da warten meine liebgewonnenen Sportkurse, mein Friseur, und ach ja, auch meine Freunde. Während ich vorher gejammert habe, wie anstrengend München ist, mit all seinen Grantlern und ständig überfüllten Restaurants, erfüllt es mich jetzt beizeiten mit Energie. Und wenn man dann einmal ganz tief in sich hineinhorcht und über das Großstadt -und Kleinstadtleben, über Erwachsensein und -werden und über die eigentlich wichtigen Dinge im Leben sinniert, dann wird es einem doch relativ schnell klar: Schlussendlich ist es tatsächlich nicht wichtig, ob du in der Kleinstadt oder Großstadt wohnst, ob du zwei oder vier Zimmer hast sondern, dass du da sein kannst, wo deine Liebsten sind. Und das ist eben manchmal im Outback.

Linda Buchmüller

Köln, Paris und dann München. Eine Stadt, mit der Linda als rheinische Frohnatur bis heute eine heiße Hassliebe pflegt. Regelmäßig flüchtet sie, um die Welt zu entdecken & am Ende doch wieder sehnsüchtig nach Hause zurückzukehren. Denn dort warten liquide Abenteuer, kulinarische Entdeckungen & immer neue Geschichten darauf, von Linda in Worte gefasst zu werden.