Freud und Leid beim Video Call

Freud und Leid beim Video CallVon Roboterstimmen, Pixelgesichtern und Houseparty-Exzessen

Hätten wir schon im Januar gewusst, dass unsere Kommunikation bald zu 80 Prozent digital laufen wird, hätten wir sicherlich schon eher unseren vernachlässigten Skype-Account aus Jugendzeiten reaktiviert oder den perfekten Winkel zwischen Gesicht und Frontkamera unserer Smartphones ausgemessen. Stattdessen mussten wir uns radikal auf die auf einmal ständig angesagte Videotelefonie einstellen, um so zumindest gut es geht eine Art Sozialleben in Corona-Zeiten zu entwickeln. Aber kann digitale Kommunikation auf Dauer so optimal funktionieren wie die persönliche? Bleibt man mit Mama, Papa und Freunden weiterhin eng verbunden, wenn man sie so gar nicht oder zumindest viel weniger als gewohnt drücken kann? Unsere Autoren Malina und Paul sind da geteilter Meinung.

Unsere Autoren mussten natürlich auch einen gemeinsamen Selbstversuch wagen © Malina Köhn

Tape me on your video phone - I can handle you - Watch me on you video phone.

Beyoncé in "Telephone"

Paul: "Videotelefonie? Ein Problem, kein Phänomen!"

"Kommunikation ist unwahrscheinlich" - das sagte einst der Soziologe Niklas Luhmann. Womit ich ihm vollkommen recht gebe, wenn es um skypen, facetimen, WhatsApp Calls oder all die anderen Messenger geht, die doch eine „reibungslose“ Face-to-Face Kommunikation ermöglichen sollen. Denn seitdem ich dank des Lockdowns mit meinen Freunden oder meiner Familie nur noch durch den Bildschirm meines Handys oder Laptops spreche, verstärkt sich mein Gefühl, dass ein fokussiertes und ernsthaftes Gespräch kaum noch möglich ist. Digitale Kommunikation ist seit Corona eigentlich nur noch ein Problem für mich geworden. Ein richtig nerviges, um genau zu sein.

Bei Paul: Statt harmonischer Kameraeinstellung, 360 Grad Perspektive © Paul Harhausen

"Und, was geht sonst so?"

„In den letzten Wochen konnte ich vermehrt herausfinden, woran das liegt. Meine Selbstdiagnose: Ablenkung – zu 99,99% positiv. Denn egal mit wem ich in einem Gespräch bin, nach kurzer Zeit poppt irgendeine Push Message am Rande des Bildschirms auf, die mich unbewusst dazu verführt, ihr mehr Interesse entgegenzubringen als meinem Gespräch. Ab dem Moment bin ich für die andere Seite eigentlich nur noch passiv an der Unterhaltung beteiligt. Statt auf die Aussagen empathisch und mitteilsam einzugehen - was ich normalerweise eigentlich echt gut drauf hab - schwafel ich irgendwelche rhetorischen Floskeln. So ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich zum zehnten Mal hirnlos frage: „Und, was geht sonst so?“

Video Call und the stage is yours

Aber nicht nur Ablenkung ist ein Indiz schwerfälliger Kommunikation durch die Selfiecam. Denn eigentlich betrachtet man nur in seltensten Fällen die Person auf der anderen Seite. Ist euch schonmal aufgefallen, dass man sich ziemlich oft selbst betrachtet? Sogar versucht, sich für die Unterhaltung in Szene zu setzen? Für mich ähnelt das fast schon einem intrinsischen Optimierungszwang. Klar, im Unterschied zu einem gängigen Gespräch sehe ich mich nun plötzlich selbst in einem kleinen Kasten unten rechts. „Stimmt der Winkel?“ oder „Warte, ich feg mir nochmal schnell durch die Haare!“ - ich weiß ja nicht wie es euch geht aber für mich sind das typische Gedanken, die mir während des Video-Gesprächs kommen. Optimale Lichtverhältnisse, der perfekte Hintergrund... Vielleicht ein nicer Print oder doch die schlichte einfarbige Wand? Verrückt, wie ich ganz nebenbei versuche so viele Selbstanforderungen an ein eigentlich doch stinknormales Gespräch zu stellen. Und dabei völlig das vergesse, worum es eigentlich geht: ein stinknormale Gespräch. 

Auch Beyoncé & Lady Gaga beschäftigt das mit der Kommunikation...

Nähe trotz Distanz? - Möglich, findet Malina

“WhatsApp, FaceTime, Zoom und, bei mir im Freundeskreis derzeit der absolute Hit: Houseparty. Momentan sind das hauptsächlich die Möglichkeiten unseren Lieben nah zu sein. Klar, wir freuen uns alle darauf wieder die Tage mit allen unseren Freunden an der Isar zu verbringen oder die Oma besuchen zu dürfen, doch bis dahin haben wir immerhin das gute alte Internet, um die Kommunikation aufrechtzuerhalten. Und das funktioniert auch erstaunlich gut! Für mich zumindest. Normalerweise würde ich mich mit meinen Mädels in einem Café treffen, um die aktuellen Ereignisse in unseren Leben ausführlich zu besprechen. Momentan trinken wir unseren Kaffee jeder für sich daheim, aber abgesehen davon hat sich nicht viel verändert. Stundenlang wird gequatscht, getratscht und gelacht, nur dass wir uns anstatt in Reallife einander gegenüber zu sitzen jetzt durch unser Smartphone sehen. Zugegeben, es ist nicht ideal und nicht genau dasselbe, aber eben fast und eben die beste Option, die wir momentan haben und das Feeling der  Zusammengehörigkeit kommt trotzdem zustande.

Mit wem telefoniert ihr am liebsten via Video Call? © Paul Harhausen

Jede Menge Housepartys thanks to Corona

Housepartys habe ich jetzt weitaus mehr als vor Corona. Quasi jedes Wochenende sitzen mindestens vier meiner Freunde und ich vor unseren Handys, Laptops oder Tablets, trinken unsere Tegernseer und spielen Spiele. Und wie im echten Leben, kann immer jemand spontan oder nur kurz auf einen Sprung reinschauen. Wir reden, wir lachen und parallel kann ich sogar noch meine Küche aufräumen. Quick Draw, Chips und Guacamole (die Houseparty-User wissen wovon ich spreche) oder ganz klassisch mit echten Karten “F*ck the Dealer”. An Unterhaltung mangelt es nicht - trotz des wenigen Gesprächsstoff, da ja momentan eigentlich niemand etwas Spannendes erlebt. Ein wenig ungewohnt wird es nur dann, wenn ich nach stundenlangem Zusammensein den Laptop zuklappe und feststelle, dass ich völlig alleine leicht angetüdelt in meinem Wohnzimmer hocke.

Housepartys all night long © Malina Köhn

Online-Dates wie waschechte Zocker

Das Coole an Gruppencalls ist, dass wir uns richtig verabreden müssen. Genau wie bei Face-to-Face Verabredungen machen wir einen Tag und eine Uhrzeit aus und genau wie bei Face-to-Face Verabredungen gibt es die typischen Zuspätkommer. Niemand ruft wahllos irgendwen an und schaut ob derjenige gerade Zeit hat, wir treffen uns so richtig! Ob interkontinental mit der Verwandtschaft im Ausland, mit Freunden oder mit der Oma, wir verabreden uns, um uns wiederzusehen oder vielleicht sogar, um gemeinsam zu Abend zu essen. Ein schöner Ersatz für einen echten Besuch. Eine Freundin von mir ist kürzlich umgezogen. Normalerweise würden wir uns alle für ihre Einweihungsparty aufbrezeln, doch stattdessen stoßen wir alle zuhause an, an den Handys, und bekommen sogar eine "Live-Roomtour" via Video Call. Nach dem Shutdown wird sich selbstredend wieder aufgebrezelt und bei der Freundin Sturm geklingelt. Aber bis dahin nutzen wir die wunderbare Technik für eine Kommunikation mit Blickkontakt. Ein echter Segen, wie ich finde, um den Menschen nahe zu bleiben, die einem wichtig sind.

Selbst die ganz Kleinen kommunizieren schon ganz groß

Unser Fazit: Nicht ideal, aber besser als nichts.

Video Calls sind nun einmal gerade die beste Option, um mit unseren Lieben in Kontakt zu bleiben. Dennoch sind wir glücklich, dass es keine dauerhafte Lösung ist. Sehnsüchtig freuen wir uns bald wieder gemeinsam mit Freunden auf der Monopteros Wiese zu liegen, zum Flaucher zu radeln oder Omas Hackbraten zu verputzen. Besonders Paul hat als Neu-Münchner in unserer wunderschönen Stadt noch so einiges zu entdecken. Bis dahin sind wir jedoch dankbar für die zumindest virtuelle Nähe zu anderen und für die Ablenkung in unseren eigenen vier Wänden - trotz schlechtem Empfang, verpixelten Gesichtern und Roboterstimme. Und vermutlich rettet diese heilige Technik wohl auch die ein oder andere Liebe in Zeiten von Corona...

Liebe in Zeiten von Corona

Münchner Erfahrungsberichte Single- vs. Couple-Life

Header von Unsplash weitere Bilder Paul Harthausen und Malina Köhn für Geheimtipp München.

Dieser Beitrag ist auf redaktioneller Ebene entstanden. 

Malina Köhn

In Schwabing geboren und aufgewachsen und schließlich im Westend gelandet: Man kann durchaus sagen, unsere Malina ist ein waschechtes Münchner Kindl. Bekannt für ihren exzessiven Konsum von Kaffee und To Do Listen, ist sie ihrer großen Liebe immer treu geblieben. Im Sommer findet man Malina fast ausschließlich am Eisbach oder an der Isar, meistens mit 'nem kühlen Hellen oder 'ner Paulaner Spezi in der Hand. Manchmal aber auch... ja genau, mit einem Kaffee.