E-Scooter: Wir sind so gut wie tot

E-Scooter: Wir sind so gut wie totGeheimtipp Kollektiv Kolumne #4

Die Spießbürger-Empörung feiert, den E-Scootern sei Dank, wieder Hochkonjunktur. Allerhöchste Zeit für Geheimtipp München, Trost in einer Kolumne zu suchen und so eventuell ein wenig Frust von den Fingern zu schreiben. Im Folgenden wollen wir uns der hoch wissenschaftlichen Frage stellen: Seid ihr völlig bescheu...? Wenn man die allgemeine Taktzahl der Empörungsartikel beobachtet, möchte man meinen alle anderen Sorgen der Menschheit stehen in einem everestgroßen Schatten, hinter dem Problem aller Probleme versteckt: Die Todesfalle - der E Scooter.

E-Scooter bevölkern die Innenstadt © Geheimtipp München

Trendaccessoire oder Höllenmaschine?

Nun muss ich, bevor ich jemandem zu nahe trete, auch gestehen, dass ich bisher noch nie von einer solchen Höllenmaschine totgewalzt wurde und somit keinen ernsthaften Empörungsgrund vorzuweisen habe. Die Frage ist aber: Warum zur Hölle ist die verbissene Suche nach dem Gefährdungspotenzial des neuen Trendaccessoires des urbanen Hipsters in einschlägigen Filterblasen moderner, als eine Donaukreuzfahrt mit Heizdeckenvertrieb. Und genau hier liegt auch schon mein kultivierter Vorurteilsverdacht begraben.

These 1: Alles besoffene Heroin Kids!

Nahezu verzweifelt ist der engagierte Wutbürger auf der erbsenzählenden Suche nach jedem weiteren Alkoholverstoß. Nach den ersten acht Wochen gab es tatsächlich mehr als 400 Anzeigen wegen Alkoholkosums im elektrischen Rollbetrieb. Ein absolutes No-Go in der Abstinenz-Metropole Deutschland. Alkohol gehört in unserem Kulturkreis schließlich nur in verantwortungsvolle Hände. Da wir uns aber, wie gesagt, dem Thema stocknüchtern und wissenschaftlich nähern wollen, hier meine Kritikfrage: Führt die aktuelle Manier der Ordnungshüter jeden Scooter-Piloten ab später Stunde genau unter die Lupe zu nehmen nicht zu einer gewissen statistischen Ungenauigkeit?

Ich bin mir sicher Sheldon Cooper würde hier mit einer großen YES-Fahne wedeln. Darüber hinaus stellt sich mir die Frage warum ein 20km/h schnelles Last-Mile-Spielzeug, das von jedem zweiten Radler überholt werden kann, genauer beobachtet wird, als eben selbiger. Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden. Auch in Zukunft soll es in meinen Augen legal sein nach zwei Mass heim radeln zu dürfen. Aber wenn das eine eine anerkannte bayrische Tradition ist, schaffen wir das doch sicher auch mit einer neuzeitlichen Technologie wie.

These 2: Härtere Regeln für die Hipster-Maschine

Haben wir doch eh schon! Es gibt ernsthaft Stimmen, die eine Null-Promille-Grenze fordern. Noch einschneidender sollen die Regeln für den Scooter-Betrieb und die Polizeikontrollen weiter verschärft werden. Ich warte eigentlich nur noch darauf, dass unser Heimat-Horst die innere Sicherheit gefährdet sieht. Nochmal, die Dinger sind leichter und langsamer als Fährräder. Ergo kann das Risiko, soweit ich die Physik richtig verstanden habe, nur geringer sein. Darüber hinaus sind schon Radler gemeinhin nicht dafür bekannt zu töten. Sondern eher dafür, getötet zu werden. Und eben hier liegt, egal ob man es hören will oder nicht, die statistische Wahrheit: Das gefährdendste Verkehrsmittel ist und bleibt kraftstoffbetrieben.

Skurriles E-Scooter Wissen

Sprachpfleger-Verein startet Bundestagspetition: Der Begriff "E-Scooter" soll durch ein deutsches Wort ersetzt werden. Favoriten sind  "Motorrollbrett" oder auch "Elektrokickmobil".
Via Spiegel Online

Dritter Akt: Zur Versöhnung

Mir ist völlig klar, dass so ein Sommerloch so manche Redaktion mit großem Schrecken vor sich her treibt und bald eine andere Sau durchs Millionendorf getrieben wird. Schmerzhaft wird allerdings für manchen die unumgängliche Entwicklung bleiben, dass sich die Mobilität der Metropolen für immer ändern wird. Bisher hat Deutschland leider keine Anstalten gemacht hier eine Vorreiter-Rolle einzunehmen. Und das wird sich sicher auch nicht sehr schnell verändern. Zu groß die Liebe zum Motorenzeitalter. Fest steht aber: je schneller wir anerkennen, dass Individual-Verkehr in einer Millionenmetropole nicht zwei Tonnen wiegen und zwei oder mehr Spuren einnehmen muss, desto besser geht es unserem Blutdruck. Weniger Staus, weniger Feinstaub, weniger Emission, weniger Straßenbedarf, weniger Platzbedarf, weniger Vermögensbedarf, weniger Zeitaufwand und und und… Auf der anderen Seite steht ein großes Mehr. Mehr Ruhe, mehr Sauberkeit, mehr Platz und mehr Lebensqualität. Ich möchte es mal bei diesen wenigen Punkten belassen, denn auch ich halte den E-Scooter nicht für einen Heilsbringer. Er ist nichts weiter als ein kleiner, harmloser Vorbote der Mobilität der Zukunft. Und deswegen atme ich jetzt durch, dring a Mass und radl hoam.

Oliver Rothstein

Olli ist eine gebürtig rheinische Frohnatur, wurde aber um ein Haar in München geboren. Keiner ist perfekt. Die Stadt erkundet er ausschließlich zu Rad, so entgeht ihm kein versteckter Winkel. Er liebt die Seen, die Berge aber vor allem den Stadtdschungel.