Die Bayerische Volkssternwarte wird 70!

Die Bayerische Volkssternwarte wird 70!Ein Besuch in Münchens Fernrohr zum All

Die Bayerische Volkssternwarte München feiert in diesem Jahr ihr Jubiläum. Grund genug für uns, sich mal mit ihrem Chef und Ober-Sterngucker Benjamin Mirwald zu treffen. Denn wir haben einige Fragen. Und wollen auf dem Weg diesen ganz besonderen und spannenden Ort mal genauer kennenlernen…

Sternwarte? Wer wartet da eigentlich auf wen? Sterne die Schlange stehen 'just to shine', oder auf die nächste Nacht warten? Um den viel beschäftigen Chef zum 70. Geburtstag der Volkssternwarte zu treffen, mussten wir etwas warten… Sodass wir, als wir endlich den riesigen Lastenaufzug durch den ehemaligen Luftschutzbunker hoch zum Treffpunkt nehmen, schon ein Bisschen das Feeling haben, gleich einen Countdown zu hören…

Der Himmel ist toll, sternhagelvoll!

Und dabei fing alles so banal an, damals zur Gründung der Bayerischen Volkssternwarte München: Der Hobby-Astronom Peter Westphal suchte vor rund siebzig Jahren einfach Gleichgesinnte über ein Zeitungs-Inserat. So auf die Art: „Wer hat Lust auf Sterne?“ Daraufhin fanden sich tatsächlich bald einige Sternfreunde ein. Und somit gilt der 21. Juli 1947 als Gründungsdatum der Bayerischen Volkssternwarte.

Wir finden Dr.Benjamin Mirwald in seinem Büro zwischen Regalen und - natürlich -Sternenpostern. Zusammen mit ihm schlendern wir durch die Räumlichkeiten. Und sind erstaunt dort auch das kleinste und wohl gemütlichste Mini-Planetarium der Stadt zu finden. Uns gefällt es sogar besser, als die großen High-End-Dinger, in denen man das Gefühl hat in einem 3D-Kino-Ei mit zu vielen Effektfiltern zu sitzen. Bei der Volkssternwarte gibt es noch keine Lichtverschmutzung – zum Glück! Benjamin erzählt von der Sternwarte - früher und heute - und hat tatsächlich auch einige Anekdoten parat. Laut zum Lachen bringt uns das absurdeste Ereignis, das laut Benjamin jemals auf der Sternwarte stattfand:

„Eines Tages klingelte eine Dame und verlangte Harald Lesch. Das passiert öfter. Weil vielen Leuten der Unterschied zwischen uns, also der Volks-, und der Universitätssternwarte nicht klar ist. Die Betreffende wollte Lesch
nur sprechen, um einem anderen Astrophysiker zu helfen. Sie glaubte zu
wissen, wie die unheilbare ALS-Erkrankung von Stephen Hawking kuriert
werden kann.“

Das Interview

GTM:
Und was war das 'amüsanteste' Ereignis seit deinem ‚Amtsantritt'?
Dr. Benjamin Mirwald :

Das war bei einer Kindergartenführung im Juni 2016: Auf die Frage nach dem Namen des Bandes, das sich über den Himmel zieht, kommt nur betretenes Schweigen. Auf den Tipp hin: "Es fängt wie ein Getränk an"  immer noch Schweigen. Ich sage "Ein weißes Getränk..." und ein  Fünfjähriger ruft wie aus der Pistole geschossen: "Ah! Weißbier!“

GTM:
Es ist sehr beeindruckend wie nah man sich hier in der Warte dem All fühlt. Aber was fasziniert einen Experten wie dich eigentlich noch am Weltall?
Dr. Benjamin Mirwald :

Ich finde gar nicht die Größe an sich erstaunlich, sondern dass die
Menschheit trotz der riesigen Entfernungen schon so viel über das All
herausfinden konnte. Selbstverständlich ist es ja nicht, dass wir
wissen, woraus z.B. extrem weit entfernte Sterne bestehen.

GTM:
Was verbindet dich persönlich mit der Sternwarte?
Dr. Benjamin Mirwald :

Ich fühle mich in Sternwarten immer schnell „zuhause“. Ich mag Orte des Staunens und der Begegnung. Deswegen habe ich mich in Kelheim, wo ich aufgewachsen bin, auch an der Gründung der "Donausternwarte" beteiligt. Wir waren damals einige Schüler und Hobbyastronomen, die den Bau organisierten. Und später, nach dem Physikstudium, konnte ich in meiner wissenschaftshistorischen Doktorarbeit die Gründung der ersten deutschen Volkssternwarten beschreiben. Allerdings war die Münchner Volkssternwarte nicht enthalten, weil hier vor dem Zweiten Weltkrieg nur das Deutsche Museum eine Volkssternwarte betrieb.

GTM:
Was gibt es Neues für die Besucher, worauf legst du und ihr Wert?
Dr. Benjamin Mirwald :

Als besondere Events für Familien und Kinder konnte ich eine Bilderbuch-Lesung und Vorträge für die Jüngeren ausprobieren. Außerdem haben zwei unserer
Aktiven und ich eine Jugendgruppe gegründet. Daneben ist mir die
Zusammenarbeit mit anderen Vereinen wichtig, so gab es etwa einen
Workshop über Zeitmessung zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für
Chronometrie.

GTM:
Was würdest du gern noch an der Sternwarte verändern?
Dr. Benjamin Mirwald :

Die Geräte an der Volkssternwarte werden noch nicht so sehr für
Amateurwissenschaft genutzt, wie es möglich wäre. Ich hoffe, ich kann in
den nächsten Jahren dazu noch intensive Weiterbildung organisieren, so
dass wir dann etwas mehr zur astronomischen Forschung beitragen.

GTM:
Ok, und gibt es ein brandneues Projekt?
Dr. Benjamin Mirwald :

Wir wollen mit einer sehr lichtempfindlichen Kamera das Bild des
Teleskops direkt auf einen Monitor leiten. Damit könnten dann größere
Gruppen gemeinsam Ereignisse anschauen, die nur kurz dauern. Zum
Beispiel wie die ISS über uns hinwegzieht, oder wie ein Jupitermond
verfinstert wird.

GTM:
Klingt spannend! Jetzt zu unserer Lieblingsfrage: Was ist Dein Lieblings-Beobachtungsobjekt am Himmel?
Dr. Benjamin Mirwald :

Mein Lieblingsplanet ist natürlich Saturn! Und ansonsten der Sternhaufen
mit der Nummer NGC 457. Der sieht nämlich wie E.T. aus!

GTM:
GTM: Vielen Dank, Benjamin, für das Gespräch und den Spaß! Und an alle anderen: Nicht vergessen, schaut in die Sterne!
Dr. Benjamin Mirwald :

Außergewöhnliches Geschenk

Eine Idee für ein besonderes Geschenk: Die Sternwidmung. Natürlich kann man Sterne nicht kaufen, doch bietet die Volkssternwarte allen Interessierten Stargazern die Gelegenheit, den Liebsten einen Stern zu widmen… so richtig mit Namen und so… dann trägt ein Stern vielleicht bald schon den Namen eures Lieblingsmenschen.

Bilder von Frank Achim Schmidt

Ronit Wolf

Veranstalterin, Auf-fall-Gehilfin, Außerirdische …Ronit mag Abseitiges, Kunst mit Augen & Science-Fiction. München ist für sie Versuchslabor, Aufreger und Liebhaber.