Der Corona-Blues

Der Corona-BluesKollektiv Kolumne #10: Zwischen Aufbruchseuphorie und 7 Jahre Regenwetter

Pensionen vermieten ihre Zimmer stunden- und tageweise für Home-Officeler, Senioren machen Kasperltheater aus dem Fenster, um das Lachen der Enkel nicht missen zu müssen und der Kostümverleih fertigt Mundschutz mit bunten Mustern aus Stoffresten der hauseigenen Schneiderei. Klar, Corona stellt nicht nur München, sondern die ganze Welt vor riesige Herausforderung. Wenn ich aber sehe wie erfinderisch und innovativ viele Münchner Lösungsansätze aus dem Boden stampfen, dann komm ich nicht umhin eine Art Aufbruchseuphorie zu fühlen. Zugegeben, immer mal wieder wechselt die auch in tiefe, pitsche-patsche nasse, pfützenähnliche schwarze Löcher. Phasen in denen ich mich als Mitgründerin einer jungen Start-Up Family frage: "Haben wir nicht nach drei Jahren voll Sieben-Tage-Wochen mit 12 Stunden Arbeitstagen endlich verdient, dass der Kampf ein Ende hat und Ruhe einkehrt?" Und dann höre ich meiner Schwiegermama zu - per Facetime wohl bemerkt – wie sie herzlich lacht. Im Gegensatz zu mir ist sie nämlich mit dem Wort "Nein" aufgewachsen.

Na, kommt ihr ins Denken?... Ich auch.

Schwiegermama knows best

Vom Balkon aus habe sie gestern eine Gruppe von Teenies beobachtet, die sich trotz rot-weißer Absperrungsbänder auf den Spielplatz gesneakt hat. „Eure Generation hat einfach nicht gelernt, dass es auch mal ein Nein gibt.“ Und wenn sie das sagt, dann gar nicht im Sinne des Vorwurfs „Früher war alles besser“. Absolut nicht! Für diese 65-jährige, gestandene Frau ist das einfach eine ganz nüchterne Feststellung. Und während sie mir von ihrer Jugend erzählt - lange Schlangen vor den Läden, aber nichts im Regal (und zwar wirklich NICHTS! Nicht wie bei uns gerade, wo man, weil einige es nicht kapieren, immer mal wieder statt auf Schachtpappe auf die hässlichen Servierten vom vorletzten Weihnachtsfest zurückgreifen muss) – während sie mir also all diese Geschichten erzählt, vom Leben mit den Eltern, dem Ehemann und den zwei Kids in einem einzigen Raum, vom viel zu großen Ehering (war halt der einzige im Laden zu dem sie stundenlang hingelaufen waren) aber auch von den vielen Hausfesten mit Freunden auf engstem Raum, dem selbstgebrannten Schnaps und dem leckeren Arme-Leute-Essen, das sie sich in Erinnerung schwelgend heute immer noch regelmäßig zubereitet (geröstetes Brot mit Tomate und Knoblauch drauf gerieben), dann kann ich nicht anders als zu denken: Verdammt, sie hat recht! Ich kenne kein Nein. Mir stand immer alles offen.

"You got me singing the blues!" - Guy Mitchell muss Corona gemeint haben

Meckern auf hohem Niveau

Wer bin ich denn zu sagen: „Oh mein Gott, ich hab’s so schwer, all der Druck auf meinen Schultern! Und jetzt auch noch Corona!“ Klar ist da ein Druck. Der Druck erfolgreich zu sein. Gemocht zu werden – innerlich und äußerlich. Der Druck bei all den Möglichkeiten, die unsere Generation hat, die richtigen Entscheidungen zu treffen und den richtigen Weg zu gehen. Meine Schwiegermama würde jetzt sagen „Das ist ein Privileg.“ Und auch damit hätte sie recht. Nur können wir das erst als solches begreifen und es nutzen, wenn wir aufhören uns leid zu tun. Ja wir müssen gerade auf Spielplatz-Hangouts und andere lieb gewonnene soziale Streicheleinheiten verzichten. Und ja, es ist nicht geil, wenn man Rigatoni kaufen muss, weil die Spaghetti heute einfach mal aus sind. Aber hey, ich hab durch sowas neulich meine neue Lieblingspastamarke entdeckt! Herrliche Konsistenz und nimmt die Soße prima auf - aber das ist ein anderes Thema. Und ja, es ist nicht geil, dass uns als Start-up nach den ersten geregelten Wochen, in denen wir echt mal gegen 19 Uhr unseren Feierabend genießen konnten, nun wieder alles um die Ohren fliegt. Auf der anderen Seite schweißt die Krise unsere kleine Office-Familie gerade ungemein zusammen. Was natürlich auch an den besten Kollegen der Welt liegt - echt jetzt Leute, ihr seid die Größten! #teamliebe. Man merkt vielleicht: kein Geld der Welt hätte je ein effektiveres Teambuilding-Event zahlen können.

Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.

Angeblich von Oscar Wilde. Egal wer's war, er oder sie hat's geblickt.

Den Kopf voll Sand oder über sich hinaus wachsen? - Schwere Entscheidung...

Es sterben weltweit Menschen an diesem Virus – da gibt es nichts zu beschönigen. Aber gerade deswegen ist es meine, es ist unsere Pflicht, dem Selbstmitleidsklaus einen Arschtritt zu verpassen und stattdessen lieber unser ganzes Potential abzurufen. Wir, denen es gesundheitlich gut geht. Wir, die einen Ort haben, der #stayhomestaysafe erst möglich macht, einen Job, der unsere Chance gesund zu bleiben erhöht und wir, die in der Lage sind, zu entscheiden wo wir unsere Nudeln kaufen. Um damit vielleicht die zu unterstützen, die darauf angewiesen sind. Und am Ende? Na wer weiß, vielleicht gehen wir sogar gestärkt aus der Sache raus. Wie sich eine Situation auf uns auswirkt, wie wir mit ihr umgehen und was wir aus ihr für Learnings für uns und unser Leben ziehen – das alles bestimmen wir immer selber. Wir treffen die Entscheidung: Kopf in den Sand oder neudenken, aufbrechen und gestärkt aus der Sache rausgehen. Das gilt selbst für die größte Krise. Alle, die schon einmal einen geliebten Menschen verloren haben, wissen was ich meine. Selbst der Tod lässt uns wachsen.

Ich greife ins Supermarktregal des Lebens und freue mich über das was da ist.

Mantra der Autorin zur Eigenmotivation - darf gerne übernommen & recycelt werden.

Hab ich eben Tod gesagt?!...

Puh… mit dem Tod 'nen Text beenden, geht ja gar nicht! Viel zu gewichtig. Wir wollen hier doch Spaß haben! Da hab ich mir aber was eingebrockt. Die Überleitung wird 'ne Herausforderung. Ok versuchen wir's mal damit: Ob bunte Atemschutzmasken vom Kostümverleih, Hotelzimmer, die zum Home-Office werden, die Gastronomie, die ihr Angebot mit Hochdruck auf Delivery umstellt, der Yoga-Coach, der zum Streamingpro wird oder das Stadtmagazin, das den Wegbruch von Stadtkultur mit einem im Eiltempo hochgezogenen Social TV Sender kompensiert: Corona macht uns offensichtlich stark. Indem es uns unsere Schwächen aufzeigt und uns die Möglichkeiten aufzeigt, sie in Stärken umzuwandeln. Und es zeigt uns, was und wer wir wirklich sind: privilegierte, empathische Kämpfer. Wir müssen es aber auch zulassen. Zum Beispiel indem wir beim Einkaufen zur unbekannten Pasta greifen und das einfach mal als Chance sehen. Am Ende schmeckt das Lieblingsgericht vielleicht sogar besser als je zuvor.

ONE München

Der Social TV-Kanal für Stadtkultur frei Haus

Bilder - thanks to Corona - von Unsplash. Maskenbilder von Kostüme Breuer

Dieser Beitrag ist auf redaktioneller Ebene entstanden. 

Julia Katharina Tomski

Ursprünglich aus dem bodenständigen Nordrhein-Westfalen folgte Julia dem Ruf der Medienstadt München und fand als Feingeist mit Hang zu schönen Dingen, gutem Geschmack und herzerwärmenden Menschen hier ihr Glück und einen Quell an Inspiration. Trotzdem: Im Alltag trägt Julia statt weißem Blüschen und Perlenohrringen lieber zerrissene Jeans und das Herz auf der Zunge. Denn: U can take the girl out of the Pott but U can never take the Pott out of the girl.