Das Curt Magazin

Das Curt MagazinPrint is not dead #2

Das Münchner Stadtmagazin curt ist ein Unikum. Es ist ein reines Herzblut-Projekt und soll keine Kohle machen, sondern Spaß. Den Lesern und Machern gleichermaßen. Seit 2005 versorgt curt die Münchner dreimal im Jahr mit kostenlosen Print-Ausgaben. Die tragen Überthemen wie „Schöne Scheisse“ oder „Gestorben wird immer“ - und bewegen sich darin irgendwo jenseits des Mainstreams zwischen Kunst, Kultur und Trash. Wir haben die curt-Macherin Melanie „Mel“ Castillo zur Fotosession in ihrem Office aka "Zuhause" getroffen und mit ihr über ihr „Herzblatt“ gesprochen.

Ursprünglich hatte die Grafikerin bei curt als Praktikantin angefangen. Als klassisches Anzeigenblatt mit Veranstaltungstipps wurde es aber vom Markt genommen. Mel nahm das zum Anlass, das Ganze als Stadtmagazin komplett neu aufziehen. Die Münchnerin beschreibt es als „ein großes Geschenk“. Sie machte nämlich einfach ein idealistisches Projekt draus.

Seitdem sind 13 Jahre vergangen und curt ist Euch sicher schon begegnet: In Münchner Kneipen, Cafes oder Kinos, denn da liegt die Printversion aus. Noch immer ist Mel hauptverantwortlich für das Zustandekommen des Indie-Magazins. Und noch immer ist es keine leichte Aufgabe. Mel nennt sich „curt Mutti“ - ihre Haupttätigkeit beschreibt sie mit “den Leuten in den Arsch zu treten“. Denn etwa 60 Leute sind momentan bei curt aktiv. Die meisten sind hauptberuflich Fotografen, Illustratoren, Redakteure, Texter – und manche wollen sich einfach mal neu ausprobieren. Sie alle arbeiten ehrenamtlich für's curt.

Ihre Belohnung? Sich ungebremst kreativ ausprobieren – in einem Team, das sich digital bis zum Redaktionsschluss organisiert und bespricht. Hier darf der Werbetexter eben auch mal statt nur dicke Autos zu lobhudeln, das Konzert seiner Indie-Punkband aus Finnland bewerben – ohne dass 50 interne Abstimmungsschleifen darüber walzen.

Was da letztendlich rauskommt, ist auch für Mel immer eine spannende Angelegenheit. Sie gibt lediglich das jeweilige Oberthema der Ausgaben vor, wie sie letztendlich aber gefüllt wird, hängt von den Beteiligten ab. Klar, München wird bei der curt nicht nur mit einer rosaroten Brille gesehen und irgendwie ist der Fokus schon auf der Indie-Kultur. Aber der Input kommt von der Redaktion und es  wird gemeinschaftlich abgestimmt, ob ein Thema passt oder nicht. Und wenn jemand ganz viel zu Hip-Hop macht, dann kann curt eben auch mal Hip-Hop-lastig sein. So einfach!

Was die Spannung noch erhöht: Nur Gott weiß, wie viele Mitarbeiter zu den Redaktionssitzungen erscheinen, welche Themen sie einbringen und letztendlich realisieren – denn ehrenamtliches Arbeiten und Deadlines sind ein, nennen wir es mal: konfliktträchtiges Feld. So ist jede Ausgabe anders- weil sich auch die Macher und ihre Interessen immer ändern. Meist ist alles dabei: Klamauk wie Substanz und naturgemäß zünden Experimente eben mal nicht, manchmal aber so, dass Schnappatmung die einzig angemessene Reaktionsform ist. Curt hat eben Ecken und Kanten – und genau das macht es auch aus, findet Mel.

Ein langer Atem gehört also zum Anforderungsprofil, wenn man beruflich „curt Mutti“ sein will. Warum packt Mel denn nicht alles einfach ins Internet? Schliesslich werden die sozialen Medien und die Website ja auch von der curt bedient. Allein dieses ständige mühsame Nachbefüllen der curt-Zeitschriftenaufsteller wäre damit passé. Für Mel sind online und Print zwei unterschiedliche Dinge, die sich einfach ergänzen. Das Printmagazin ist für sie ein zeitloses Lesestück. Es hat nicht die Flüchtigkeit der online-Welt. Thematisch ist es so konzipiert, dass es immer wieder gelesen werden kann. Online macht sie das, was sie im Magazin nicht kann: aktuell und kurzfristig zu reagieren. Hier geht es vor allem um Konzerte, Veranstaltungen, Neuerscheinungen.

Und? Hat Mel angesichts des Massensterben der Printerzeugnisse schon die Beerdigung der curt geplant? Nö. Mel sieht das nämlich so: Print ist definitiv nicht tot. So lange es noch Papier und Druckereien gibt, gibt es auch noch analoge Zeitschriften. Print befeuert nämlich ein Sinnesorgan, das eine Website nie bedienen kann: Haptik! Sie ist fest davon überzeugt, dass in Zukunft mehr mit Papier und Texturen gespielt wird.

Klar, gibt es eine große Aussiebung auf dem Markt, denn  wer sich nur schnell über das Wetter informieren will, der braucht kein durchdesigntes Papier, sondern Aktualität. Von daher sieht sie im Print die Möglichkeit, dass es eher ein Liebhaberprodukt wird, das ein exklusives Nischendasein führt. Und wenn man das curt Magazin in der Hand hält, dann weiß man, wovon Mel redet. Das Geld, das sie über Anzeigen bekommt, wird vollständig in die nächste Ausgabe gepumpt. Curt hat ungewöhnlich dickes Papier und eine Klebebindung, nicht die günstigste aber wohl die hübscheste Lösung, um Seiten zusammen zu halten. Die Farbkonzept jeder Ausgabe ist durchdacht – unabhängig davon, dass jede zusätzliche Farbe im Druck kostet.

Mel hat uns einige Ausgaben mitgebracht, wir blättern sie durch. Mit schräg gelegten Kopf streichelt sie über die Seiten und lächelt leicht. Die Frage, warum sie all die Arbeit auf sich nimmt, können wir uns getrost sparen - angesichts dieses liebevollen Blicks.

Print is not dead?

Schickt uns eure Lieblings-Magazine made in München!

Was macht die Printmedien-Kultur Münchens aus? Wer steckt hinter den spannendsten Magazinen und aus welcher Idee heraus sind sie geboren? In unserer neuen Rubrik "Print ist not dead!" klettern wir über den Tellerrand unseres eigenen Mediums. Um Personen zu treffen, die es wie wir lieben, Geschichten zu erzählen - von Menschen, Orten, Genüssen und Leidenschaften. Was macht die Faszination Print aus? Kommt mit und findet's zusammen mit uns heraus!

Und schickt uns eure Ideen - über welches Magazin sollten wir unbedingt berichten? Was macht es so besonders? Wir freuen uns auf eure Mails mit dem Betreff "Print is not dead"!

Henrike Hegner

Lebe Dein Ändern! Henrike hat es irgendwann aufgegeben, „nie“ zu sagen. Immer dann, wenn etwas unbekannt, irritierend oder anders ist, ist das Nordlicht mit vollem Herzen dabei – oft zu ihrer eigenen Überraschung. Feinste Künste und letzter Trash können sie gleichermaßen begeistern. Nervös wird sie nur, wenn die Flasche Cola nicht in Griffweite ist.