Bier, Billard & Legenden im Schelling-Salon

Bier, Billard & Legenden im Schelling-SalonKultplace #11

Wenn Lenin, Strauß, Kandinsky, Brecht & Heuss zusammen an einem Tisch hocken, dann... folgt in der Regel auf den Witz eine lustige Pointe. Was jetzt folgt, ist allerdings kein Schenkelkklopfer, wohl aber ein Fakt. Es gibt eine Münchner Wirtschaft, in der waren diese namhaften Persönlichkeiten und Künstler tatsächlich allesamt Stammgäste und haben sich regelmäßig die Klinke, bzw. wohl eher den Maßkrug in die Hand gegeben. Die Rede ist von den geschichtsträchtigen Räumlichkeiten im Wiener Kafeehaus-Stil in der Maxvorstadt. Unserem Kultplace #11: der legendäre Schelling-Salon.

Hier geht's heiß her! © Schellingsalon

Rechte Hetze & offene Deckel

Bereits in der 3. Wirtsgeneration gehen hier im Familienbetrieb seit knapp 140 Jahren die kühlen Blonden über den Tresen und die bunt gemixte Gästeschar pilgert auch weiterhin in das mit dem verzierten Türmchen versehene schöne Gebäude in der Maxvorstadt. Doch in der wohl dunkelsten Periode der letzten Dekade wird insbesondere München zunehmend zu einem brodelnden Kessel radikaler politischer Ideen und Gruppierungen. Und auch der Schelling-Salon muss sich zeitweise mit der schlechten Gesellschaft rumärgern. Denn anders als in vielen Erzählungen übertragen, war Hitler hier keinesfalls ein gern gesehener Gast. Der damals noch wenig bekannte Künstler und Politik-Jüngling Adolf erhielt sogar schliesslich Hausverbot. Wegen rechter Hetze und ’nem offenen Deckel.

Stammtisch statt Schickeria

Ob aufgrund des guten Karmas oder gerechter Fügung des Zufalls: der Schelling-Salon übersteht die Schrecken des zweiten Weltkriegs fast unbeschadet. Und auch wenn rings herum das ehemalige Dorf Schwabing als neue In-Metropole für die Schickeria zweifelhaften Ruhm erlangt, hält die urige Gaststätte an ihren bodenständigen Werten fest und bleibt bis heute authentisch und offen für Jedermann. Denn hier, wo Handwerker auf Hausarzt trifft und sich Anzugträger und Studiclique den Stammtisch teilen, kommen damals wie heute Menschen jeglichen Alters und aller Couleur.

Bier & Billard im Wiener Kaffeehaus

Doch der Schelling-Salon taugt nicht nur zum Ratschen bei Bier und Haxe. Neben Billard, Tischtennis und Kicker bietet das rüstige Restaurant genügend Platz für so ziemlich jeden Vereinskneipensport. Was bei einer feucht-fröhlichen Runde in der maxvorstädter Gaststätte aber auf keinen Fall fehlen darf, ist der hauseigene Obstler. In den kommt im Schelling-Salon nämlich nur das Bodensee-Obst aus eigener Ernte. Wer es besonders nostalgisch mag, kann sich im "Schellingsurium" sogar auf Museumstour begeben und durch die antiken Überbleibsel historischer Saufgelage stöbern. Eins wird jeder Besuch der geschichtsträchtigen Räumlichkeiten gewiss immer: legendär.

Bargeld lacht!

REMEMBER: CASH STATT KARTE

Manch einen mag es im 21. Jahrhundert vor eine unlösbare Aufgabe stellen, wenn das Kartengerät die Platin-Amex nicht nimmt oder er den Latte-Macchiato nicht gleich „touchless“ mit der trendy Apple-Watch zahlen kann - im Schelling-Salon mahlen die Mühlen halt noch ein wenig langsamer. Und das ist auch gut so! Also lieber vor dem Besuch beim Geldautomaten halten, bevor ihr wie die Rechtspopulisten eueren Deckel nicht zahlen könnt.

Headerbild von Anna Pauels für Geheimtipp München. Innenansichten vom Schelling-Salon.

Miles Köhler

Miles - mit dem Herz auf der Zunge und dem Bass im Ohr, tanzt sich unser ehemaliges Hauptstadtkind munter durch Münchens Elektroclubs. Von Kopf bis Fuß in schwarz - aber mit 'ner großen Portion Konfetti, bitte! Auf der Suche nach dem kleinen Hauch Berliner Luft im Augustinerland und dem Tofu-Steak im Weißwurst-Heaven.