Aha Retreats

Aha Retreats12 Fremde, 1 Berghütte und viele neue Perspektiven

In der Schule beginnt das alles - man sagt, wir müssen Mathe lernen, also lernen wir Mathe. Nach der Schule: Was will ich werden? Nicht lang überlegen! Schnell ab ins Studium oder die Ausbildung. Machen die anderen ja auch so… Danach möglichst nahtlos in den Job starten. Bloss nicht vom Weg abkommen! Gehaltserhöhung, Beförderung, zufrieden?! Geld verdienen = Sicherheit. Aber dann kommt die Routine - tagein tagaus die gleichen Aufgaben. Viel Sinn machen die für einen persönlich nicht, außer dass sie die Miete zahlen. Und den überteuren After Work Cocktail. Am Anfang schiebt man sie weg, die Fragen: „Was mach ich hier eigentlich? Will ich das überhaupt, so arbeiten und leben? Hab ich vielleicht nicht immer einfach das gemacht, was die logische Konsequenz zu sein schien?“ An solche Menschen richtet sich das Angebot von Aha Retreats, das Startup der beiden sympathischen Münchner Gründerinnen Marion Hochwimmer und Stephanie Losert. Ihr Ansatz: ein professionelles Coaching Wochenende in kompletter Abgeschiedenheit auf einer Berghütte unter Gleichgesinnten - alles Menschen, die nach (Neu)Orientierung im eigenen (Berufs)Leben suchen. Wir durften bei solch einem Retreat als Teilnehmer dabei sein. Hier kommt der Erfahrungsbericht.

Der Geheimtipp München Selbsttest - warum eigentlich?

Es ist Freitagmittag. Nach dem letzten Termin einer sehr vollen Woche düsen wir von München an den Bodensee. Zweieinhalb Tage wollen wir uns dort mit uns und unseren Zielen auseinandersetzen. Wir sind selber Gründer - in Teilzeit. Vom Coaching erwarten wir, dass es Ordnung in unsere Köpfe bringt. Sollen wir auf’s Ganze gehen, unsere alten Jobs kündigen, dem Neuen eine Chance geben? Das Herz sagt ja, der Kopf sagt: Gefahr. Dass wir uns bei der Sache selber im Weg stehen, ist uns insgeheim wohl schon klar, als unser Auto dem Weg hinauf zur Berghütte folgt. Zu schön wäre es jetzt, sich einfach in eine Bar zu setzen und einen Drink zu bestellen… anstatt sich mit sich selber auseinanderzusetzen und dabei der Wahrheit in’s Auge zu schauen - Dass man eigentlich wirklich etwas verändern muss.

Ankunft auf der Berghütte

„Veränderung macht im ersten Moment immer Angst.“ Das ist das erste was uns Coach Steffi mit auf den Weg gibt, nachdem sie und Mitgründerin Marion uns an der Tür zur Hütte herzlich begrüßen. „Bei Aha Retreats geht’s darum, sich darüber klar zu werden, worin man gut und was einem wichtig ist. Um dann zu überdenken, wie viel Anteil diese Dinge momentan im eigenen Berufsleben haben und wie man es konkret angeht, mehr davon zu tun, was einen zufrieden macht.“ Egal sei dabei ob diese Gedankenspiele am Ende dazu führen, dass man den Job kündige und sich stattdessen mit der lang gehegten Geschäftsidee selbstständig mache. Oder auch nur, dass man erkenne, wie wichtig einem mehr Freiräume sind, um den Chef einfach mal zu fragen, ob man nicht einen Tag die Woche im Homeoffice arbeiten kann. „Es geht uns nicht darum hier eine Tschakka-Veranstaltung abzuhalten, bei der wir den Teilnehmern einreden, dass sie sich möglichst krass verändern müssen“, erklärt Steffi. „Wenn jemand erkennt, dass der klassische Büro-Job genau richtig für ihn ist, ist das absolut prima! Dann kann es vielleicht sein, dass es nur die Inhalte sind, die nicht passen. Um das herauszufinden, muss man sich aber erst einmal endlich mit sich selber befassen. Und den Gedanken zulassen, dass eine Veränderung möglich ist.“

Die Teilnehmer - wie aus Fremden Freunde werden

Eine Art Schutzraum, in dem man sein kann, wie man ist - so nehmen wir die Atmosphäre in der Hütte schon bei der Ankunft wahr. Wir betreten ein gemütlich beleuchtetes Esszimmer, die anderen Teilnehmer lächeln, sind offen, stellen sich vor. Alle Altersklassen und Berufsstände sind vertreten - von der Beamtin, die sich im Hamsterrad gefangen sieht und sich eigentlich stark für Naturheilkunde interessiert, über den Automobilhändler, der trotz steiler und langjähriger Karriere keinen Sinn mehr in seinem Job sieht und mit einigen Kollegen ein Startup gründen möchte, bis hin zur jungen Finanzberaterin, die dank ihres Berufs zwar die Welt sieht, aber ihre brodelnde Kreativität dabei immer zuhause lassen muss. Jeder ist anders und doch sind wir alle gleich: wir wollen Veränderung. Diese Voraussetzung birgt extrem hohes Potential, dass aus zwölf Fremden nach nur einem Wochenende Freunde werden können. In jedem Fall aber Menschen, die sich so schnell nicht wieder vergessen. 

Tag 1 - Das Feedback der anderen

Nachdem wir uns vorgestellt haben (Wer bin ich, was mach ich, was ist mein Problem), bekommt jeder von der Gruppe ein erstes Feedback. „Das ist sehr wichtig. Klar hat man zuhause mit seiner Familie oder seinen Freunden vielleicht schon oft drüber gesprochen, dass es nicht so läuft, aber letztlich kennen die einen schon länger. Und sie beurteilen die Situation immer nach deiner Vergangenheit“, sagt Gründerin Marion. Stimmt. Sätze wie „Mensch, jetzt hast du so lange studiert, da kannst du doch den Job nicht aufgeben!“ Wird wohl der ein oder andere kennen. Die Runde auf der Hütte dagegen gibt sich gegenseitig völlig unbefangen die Eindrücke wieder. Und kommt auf Ideen, die man selber nie hatte. Zum Beispiel, dass man ganz schön häufig das Wort „aber“ benutzt und häufig negativ argumentiert, während man auf der anderen Seite offensichtlich auflebt und strahlt, wenn man von „seiner Idee“ redet. Mmmh… bremsen wir uns am Ende wohl wirklich selber?!… Wir kommen ins Grübeln - das Tagesziel von Steffi und Marion für ihre Teilnehmer ist erfüllt. Next Steps: Aha-Erlebnisse schaffen.

Tag 2 - in sich hinein hören

Tag 2 steht unter dem Zeichen der Selbstreflektion. Hört sich sperrig weil theoretisch an, wird aber von den Aha Retreat Mädels ganz strategisch angegangen. Mit diversen Aufgabenblättern nehmen sie uns an die Hand und führen uns Schritt für Schritt zur Selbsterkenntnis. Beispielsweise müssen wir aufschreiben: 20 Dinge, die ich gerne tue, was kann ich gut, welche Werte sind mir wichtig. „Das Aufschreiben ist ganz wichtig“, erklärt Marion. „Denn man denkt ja viel den ganzen Tag und irgendwann ist da ein großer Wust im Kopf. Aber wenn ich mir mal konkret Gedanken mache und die Antworten auf Papier bringe, kann ich viel über mich lernen.“ Gleiches Ziel, andere Aufgabe: Glaubenssätze notieren. „Das sind Sätze, die euch in eurer Vergangenheit immer begleitet haben“, erklärt Coach Steffi. Mmmh, hat nicht die Mama immer völlig überzeugend zu einem gesagt „Du bist unser kleiner Strahlemann!“ Vielleicht ist das ja der Grund, warum man es auch heute der Familie am liebsten immer recht machen will. Zum Beispiel indem man den verhassten Job nicht aufgibt…

Wir kommen zu der Erkenntnis: Über sich selber nachdenken ist nicht immer bequem. Es macht Arbeit, strengt an. In erster Linie ist das so, weil man es einfach nicht mehr gewohnt ist. Stattdessen funktioniert man. Der erste Tag des Aha Retreats setzt genau da an: er öffnet uns vor und für uns selber, macht uns sensibel für eigene Bedürfnisse und Denkweisen. Das alles in einer fröhlichen Runde - denn trotz intensiver Gedanken lassen wir den Tag bei tollen Gesprächen, einem super BBQ und einem mehr als positiven Gefühl ausklingen. Wir sind auf dem richtigen Weg, das spüren wir.

Tag 3 - Ideen entwicklen

Tag 3 - heute werden Erkenntnisse umgesetzt. Zum Beispiel erstellen wir eine Mindmap aus den Dingen, die wir am Vortag als Interessensgebiete identifiziert haben. Die Gruppe hilft dabei, diese zu ergänzen. Teilweise mit verrückten Begriffen. „Mit den Übungen an Tag 3 geht es darum sich von festen Gedankenstrukturen zu lösen und sich einfach mal wieder zu erlauben, jenseits der eigenen Scheuklappen zu denken“, erklärt Coach Steffi. Aus den Begriffen der eigenen Mindmap kreiert jeder ein Berufsbild. Was raus kommt, scheint in den meisten Fällen erst mehr als abstrus. Trotzdem identifizieren wir aus einigen dieser crazy erdachten „Jobbeschreibungen“ Geschäftsmodelle, die dem ein oder anderen Teilnehmer wie auf den Leib geschnitten scheinen.

Weitere Freigeist-Aufgabe: Was würde ich tun, wenn Geld und Anerkennung keine Rolle spielen? Und: Was wäre, wenn ich morgen in einem Zeugenschutzprogramm aufgenommen werde? - Wie sieht der komplette Neuanfang aus? „Am Ende der drei Tage stehen drei konkrete Ideen, die jeder für sich erarbeitet hat. Aus den neuen Impulsen und dem, was man für sich aus dem jetzigen Alltag als gut identifizieren konnte“, erklärt Steffi. Diese Ideen gilt es dann in Dreiergruppen auf die Realitätsprobe zu stellen. Welche Idee favorisiere ich? Wie räume ich mögliche Hindernisse beiseite? In diesem Abschlussgespräch stellt jeder seine Ideen zwei anderen Teilnehmern vor. Und bekommt von ihnen Feedback, Ideen zur Umsetzung und wertvolle Ermutigung. Damit einen der Mut auch zurück im Alltag nicht verlässt, bilden sich am Ende noch Mastermind Gruppen in denen man sich regelmäßig trifft, updatet und immer wieder neu bestärkt dranzubleiben.

Die Umsetzung - von den Gründerinnen lernen

„Wichtig ist zu verstehen, dass es nicht DAS eine Ziel gibt. Ziele können sich ändern, man kann und soll sie immer wieder anpassen“, sagt Marion. „Wichtig ist, dass man losläuft. Sich gedanklich drauf einlassen und einfach mal den ersten Schritt gehen. Das kann schon sein, dass ich in meiner Freizeit einen Abend pro Woche in einer Bar jobbe, um anzutesten, ob das eigene Restaurant für mich wirklich was ist“, erklärt Coach Steffi weiter. „Kann sein, dass das doch nichts für dich ist. Dafür lernst du aber vielleicht einen Stammgast kennen, der Fotograf ist und du entdeckst über die Gespräche mit ihm eine neue Leidenschaft.“ So ähnlich ist es Steffi selbst ergangen. Nach knapp zwei Jahren frustriert von ihrer Büroarbeit, lud sie ein Freund zum Pokern ein. Eigentlich wollte sie nicht hin, ging dann aber doch, fand es super und nerdete sich in die Materie ein. „Bald war ich so gut, dass ich mir mit dem Hobby die Ausbildung zum Coach finanzieren konnte.“ Soll heißen: alles was wir tun, führt irgendwo hin. Wir müssen nur losgehen! Und öfter mal rechts und links und in uns rein gucken. Anstatt blindlings im Hamsterrad aus Sicherheitswahn und Gewohnheit weiter zu rennen.

Der beste Beweis, dass es klappen kann, Strukturen aufzubrechen und einen Neuanfang zu starten, ist Mitgründern Marion. Sie wollte in ihrer damaligen Firma viel bewegen, sich weiterentwickeln. Stiess aber immer wieder auf Grenzen. Als sie ohne Vorankündigung von der Chefin zu einem Gespräch gebeten wurde, entschloss sie sich spontan die Corporate Welt hinter sich zu lassen - ohne Netz und doppelten Boden. Nur mit einer Idee im Kopf und dem Gefühl, dass die Zeit gekommen war. „Das war eigentlich gar nicht geplant. Während des Gesprächs fühlte ich einfach, dass der Austritt das Richtige ist." Der erste Schritt beginnt gedanklich und damit hatte sich Marion schon lange vorher beschäftigt. Sie ging alleine auf Reisen, ließ sich auf Meet-ups inspirieren und setzte sich mit der Thematik Persönlichkeitsentwicklung auseinander, besuchte selber einige Coachings. Nach gut einem Jahr setzen sich die Puzzleteile zusammen. Es entstand die Idee, genau diese Erfahrungen aus der eigenen Neuorientierung in eine Geschäftsidee zu gießen. Ein Coaching System, das Menschen wie ihr hilft, neue Perspektiven zu entwickeln und sie konkret umzusetzen. Bei einem Meetup zum Netzwerken traf sie Steffi, die die Idee fachlich mit ihrer Expertise aus über zehn Jahren als Coach auf feste Füße stellt.

Unser Fazit:

Zugegeben: Sich und sein Leben verändern zu wollen, das klingt erst einmal ziemlich nebulös. Das Coachingmodell der beiden Münchnerinnen hilft aber dabei, Veränderung als etwas Positives zu sehen und motiviert den Anfang für die eigene Veränderung einzuleiten. Der Anfang ist ja bekanntlich am schwersten. Ein bisschen wie wenn man mit dem Fingernagel mühsam den Sticker von der Folie knibbelt - wenn erst einmal ein Anfang gefunden ist, löst sich der Rest von alleine. Das zumindest können wir aus unserer eigenen Erfahrung heraus sagen. Denn wir haben nun Klarheit im Kopf.

Ihr wollt erst einmal reinschnuppern...

... und die Aha Retreat Mädels kennenlernen?

Dann kommt zum nächsten Meetup in München oder Stuttgart! Dort stellen Steffi und Marion ihre Systematik vor und ihr könnt in die Aufgaben reinschnuppern. Das nächste Coaching Wochenende findet vom 19.-21. Oktober statt. Kostenpunkt ab 599 Euro - hört sich happig an, drin sind aber auch 3ÜN, die komplette Verpflegung und 20 Stunden professionelles Coaching. Wer rechnen kann, wird feststellen: das ist extrem günstig. Kürzer und günstiger geht aber auch: bei den Tagesworkshops. Mehr Infos und alle Termine gibt's hier. 

Julia Katharina Tomski

Ursprünglich aus dem bodenständigen Nordrhein-Westfalen folgte Julia dem Ruf der Medienstadt München und fand als Feingeist mit Hang zu schönen Dingen, gutem Geschmack und herzerwärmenden Menschen hier ihr Glück und einen Quell an Inspiration. Trotzdem: Im Alltag trägt Julia statt weißem Blüschen und Perlenohrringen lieber zerrissene Jeans und das Herz auf der Zunge. Denn: U can take the girl out of the Pott but U can never take the Pott out of the girl.